Für die Dauercamper hats bei den Stadtnomaden keinen Platz

In einem Jahr müssen rund 60 Dauermieter den Camping Eymatt am Wohlensee verlassen. Einige von ihnen wollen nun ihren eigenen Campingplatz gründen. Die Hüttendorfzone in Riedbach wäre geeignet – ist aber bereits voll.

Muss bald umziehen: Sieglinde Lorz und 60 andere Dauermieter sind auf dem TCS-Campingplatz nicht mehr erwünscht. Nun gründen sie ihren eigenen Campingplatz.

Muss bald umziehen: Sieglinde Lorz und 60 andere Dauermieter sind auf dem TCS-Campingplatz nicht mehr erwünscht. Nun gründen sie ihren eigenen Campingplatz.

(Bild: Susanne Keller)

Dieses Paradies hat ein Ablaufdatum: Nur noch bis nächsten November können die Camper in der Eymatt bleiben. Weil der TCS den Campingplatz nur noch im Sommer betreiben will – unter anderem, weil ein Ganzjahresbetrieb nicht rentabel sei –, hat er den rund 60 Dauermietern gekündigt.

Zwar sind die Camper mit dem Übergangsplan des TCS und der Stadt Bern nicht zufrieden – «aber das Thema Eymatt ist nun abgeschlossen», sagt Sieglinde Lorz, Präsidentin der IG Chappelebrügg und selber seit acht Jahren Dauermieterin.Ihre Lebensform aufgeben wollen die Camper aber nicht.

Im Gegenteil: Sie wollen ihren eigenen Campingplatz gründen. Ein Obst- und Gemüsegarten, Sträucher mit Beeren, ein Gemeinschaftshaus, Strom selber produzieren, Wasser wiederverwenden – ihr geplantes Pilotprojekt sei der Versuch, möglichst unabhängig und nachhaltig zu leben, sagt dessen Erfindern Sieglinde Lorz.

Das Konzept – nach dem Vorbild der Permakultur – ermögliche es Mensch und Natur, in einem geschlossenen Kreislauf zu leben. «Die Ressourcen bleiben so auf dem Platz.»

«Die Hüttendorfzone ist zu klein»

Der Campingplatz soll auch für Touristen zugänglich sein. Nebst einer Gemeinschaftsküche ist ein öffentliches Restaurant geplant. Auch ein Projekt zur sozialen Integration ist vorgesehen.

10 Mieter aus der Eymatt haben bereits zugesagt, dass sie beim Konzept mitmachen würden. Rund 50 Wohnwagen braucht es insgesamt, damit das Projekt finanziell selbsttragend sei, sagt Lorz, die beruflich als Projektleiterin in der Informatik tätig ist. Sie ist überzeugt, dass sie genügend Mieter finden wird. Ihr Konzept hat sie bereits markenrechtlich schützen lassen.

Das Vorhaben tönt nach Wohnexperiment – wofür die Stadt Bern bekanntlich eine Sonder­zone in Riedbach geschaffen hat (siehe Infobox). Berns Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP) schlug die Hüttendorfzone den Eymatt-Campern jüngst als Alternative vor.

«Riedbach eignet sich nicht», sagt aber Sieglinde Lorz. Mit 6000 Quadratmetern – das entspricht knapp der Grösse des Spielfelds des Wankdorf­stadions – sei die Sonderzone zu klein für ihr Projekt.

«Es würde Wohnwagen an Wohnwagen stehen.» Camper, Wege, Parkplätze, Gemeinschaftsanlage, Gärten – Lorz braucht mindestens 15'000 Quadratmeter, besser wären über 20'000.

Kritik an Gemeinderat Schmidt

Das Areal in Riedbach sei zudem schlecht erschlossen und künftig grösstenteils bereits von den Stadtnomaden belegt. Tatsächlich kündeten Berns bekannteste Nomaden nach der Hüttendorf-Abstimmung vor zwei Jahren an, dass der Grossteil von ihnen in die Zone ziehen werde – die Parzelle sei aber damit bereits überfüllt.

Dass Gemeinderat Schmidt den Eymatt-Campern diese Zone als Alternative anbiete, zeige, dass dieser kein wirkliches Interesse habe, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen, kritisiert Lorz.

Wohlen hat sich die Idee bereits angehört

Die Camper wollen nun anderen Gemeinden in der Region Bern ihr Pilotprojekt vorstellen. Gestern war Sieglinde Lorz auf der anderen Seite des Sees – in Wohlen bei Bern.

«Die Gemeinden sollen merken, dass sie mit uns auch einen Nutzen haben», sagt sie. Man wolle nicht nur etwas, sondern gebe auch etwas zurück. In Wohlen sei ihr Konzept bei der Gemeinde gut angekommen. «Wir haben das Projekt mit In­teresse angehört», sagt auch Gemeindepräsident Bänz Müller (SP plus).

Das Problem werde aber sein – nicht nur in Wohlen, sondern in der ganzen Region –, geeignetes Land zu finden, wo so ein Campingplatz realisierbar wäre. Über eine solche Zone verfüge die Gemeinde Wohlen gar nicht.

«In Wohlen sind wir ausserdem sehr knapp dran mit Bauland, welches wir dafür nicht zur Verfügung stellen können», sagt Müller weiter. Immerhin: Der Gemeindepräsident hat ihr gesagt, dass es vielleicht den einen oder anderen Landwirt gebe, dem man das Projekt vorstellen könnte.

Sieglinde Lorz und ihren Campern ist klar: Ihr Projekt steht und fällt mit dem Land. Herumziehen wollen sie nicht. «Wir sind nicht nomadisch orientiert», sagt sie. Bis nächsten Winter können sie noch in der Eymatt bleiben. Danach brauchen sie eine Zwischenlösung – und Geduld. Bis sie ein neues Paradies ohne Ablaufdatum gefunden haben.

Berner Zeitung

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