Für die Bären schläft er auch mal im Stall

Er ist Berns Bärenflüsterer – auch wenn er das nicht gerne hört. Tierpfleger Thomas Zurbuchen hat 2015 die Ferien von Finn, Björk und Ursina im Jura organisiert. Und entdeckt, wie man Bär Finn zum Schlafen bringt.

Thomas Zurbuchen?hat in seiner Zeit beim Tierpark Dählhölzli bereits 14 Bären betreut.

Thomas Zurbuchen?hat in seiner Zeit beim Tierpark Dählhölzli bereits 14 Bären betreut.

(Bild: Urs Baumann)

Bären schnarchen nicht. Jedenfalls nicht die Berner Bären. Das kann Thomas Zurbuchen mit Sicherheit sagen, denn er hat dieses Jahr in den Stallungen des Bärenparks übernachtet. Auf einem Klappbett. Finn, Björk und Ursina in Hörweite. «Die Bären haben in dieser Nacht definitiv besser geschlafen als ich», sagt er.

Es war die Nacht auf den 8. April. In seinem Schlafsack wartete Zurbuchen auf den Morgen und den Start des Projekts, das er generalstabsmässig geplant hatte: den Umzug von Finn, Björk und Ursina in den Juraparc Vallorbe.

Die Bären kennen Thomas Zurbuchen – seine Stimme, wie er sich bewegt, seinen Geruch. Sie spüren: Wenn er da ist, ist alles wie immer, es droht keine Gefahr. «Ich habe ihnen in dieser Nacht nicht gerade die Tatze gehalten oder Schlaflieder vorgesungen. Aber ich glaube, meine Anwesenheit hat sie beruhigt.»

Obwohl Bären stark und unerschütterlich wirken, können sie wahre Sensibelchen sein. «Vor allem Finn kann ein rechter Angsthase sein», sagt Zurbuchen. Vor der Reise durften die Bären einen Tag lang nichts fressen und mussten deswegen im Stall eingesperrt werden. Eine Stresssituation für die Tiere und ein klarer Fall für ihren Pfleger: «Ich bleibe über Nacht.»

Sein Traumberuf

Thomas Zurbuchen träumte schon als Kind davon, Tierpfleger zu werden. «Aber meine Eltern sagten mir, ich müsse zuerst etwas Anständiges lernen.» Der Beruf des Zoo- und Wildtierpflegers war damals noch nicht eidgenössisch anerkannt. Zurbuchen wurde also Möbelschreiner, arbeitete in einer Antikschreinerei – und bewarb sich bei der ersten Gelegenheit für eine Ausbildung im Tierpark Dählhölzli.

Seit 1999 ist er dort angestellt und heute Gruppenleiter Raubtiere. «Es ist mein Traumberuf. Ich möchte nichts anderes machen», sagt er. Die Arbeit mit Tieren sei ihm wohl in die Wiege gelegt worden. Ein Grossvater kümmerte sich um einheimische Schlangen, der andere arbeitete als Bereiter bei der Familie Wander und betreute auch deren Hundezucht und die anderen Tiere.

14 Bären hat Thomas Zurbuchen während seiner Zeit im Berner Tierpark schon betreut. Er erlebte die letzten Bewohner des alten Bärengrabens und den Einzug von Finn und Björk in den neuen Bärenpark. Er pflegte den schwer verletzten Finn nach dem Zwischenfall, als ein behinderter Mann ins Gehege gesprungen und der Bär nur mit einem Schuss von ihm abzubringen war.

Thomas Zurbuchen war «Ersatzmutter» für die zwei Bärenwaisen Mischa und Mascha, welche die Stadt von Russland geschenkt bekam. Und Zurbuchen gewöhnte Jungbärin Berna an ihr neues Zuhause in einem Zoo in Bulgarien.

Ein besonderes Bärenjahr

Aber das Jahr 2015 toppte bärentechnisch alles: Drei Mutzen mussten im Frühling in den Jura umziehen und im Herbst wieder sicher zurück in den sanierten Bärenpark gebracht werden. Es dufte nichts schiefgehen – man weiss ja, wie emotional die Bernerinnen und Berner reagieren, wenn es um «ihre» Bären geht.

Es ging nichts schief. Im Gegenteil: Die Bärenferien waren ein voller Erfolg. Für die Rückkehr nach Bern mussten die Tiere nicht einmal mehr narkotisiert werden, sondern liessen sich mit Futter in die Transportkisten locken. Thomas Zurbuchen hatte einen Trainingsplan ausgetüftelt, der schliesslich sogar bei Ursina funktionierte. Sie hatte ihre Pfleger wochenlang genarrt und immer eine Pfote ausserhalb der Gittertür behalten.

Ist Thomas Zurbuchen Berns Bärenflüsterer? Er schüttelt lachend den Kopf: «Ein ganzes Team sorgt dafür, dass es den Bären gut geht.» Was wohl stimme sei, dass er über all die Jahre ein Experte in Sachen Bärentransport geworden sei. «Ich habe mehr Reisen für Bären organisiert als für mich selber.»

Sein Lieblingstier

Bären sind nicht Zurbuchens Lieblingstiere. «Wie alle Raubtiere faszinieren sie mich, aber ich habe alle Tiere gleich gern», betont er. Und korrigiert sich: «Mein Hund geniesst natürlich einen Sonderstatus.» Zurbuchen lebt auf dem Land und teilt sein Daheim mit diversen Haus­tieren.

Bei seiner Arbeit versucht er eine gewisse Distanz zu wahren. «Ich muss professionell sein. Die Tiere kommen und gehen. Da darf man sich nicht zu stark an sie binden.» Der Respekt vor jedem Lebewesen leite ihn. «Jedes Tier soll so artgerecht wie möglich leben können.»

Thomas Zurbuchen wünscht sich, dass alle Tiere mit Respekt behandelt werden: Haustiere, Nutztiere und Wildtiere. «Der Mensch nimmt sich so viel Raum. Müssen wir wirklich auf jedem Berggipfel Ski fahren und durch jeden Wald biken?» Überliesse man der Natur mehr Platz, wäre auch in der kleinen Schweiz das Zusammenleben mit Raubtieren wie Wolf und Bär möglich, glaubt er.

Im Moment hat Zurbuchen eine fast bärenfreie Zeit. Die Mutzen halten Winterruhe. Finn zum zweiten Mal so richtig. Früher war er auch während der kalten Jahreszeit wach und störte die Weibchen. «Er kam nicht zur Ruhe, flegelte durchs Gehege und zerrte die Schlafnester samt Bärinnen aus den Höhlen», sagt Zurbuchen. Bis der Pfleger schliesslich herausfand: Finn will nicht in einer der Höhlen in der Anlage schlafen, sondern im Stall. Und dort liegt er nun. In einen Haufen Stroh gekuschelt. Über seinen Schlaf wacht Thomas Zurbuchen mit einem Babyfon.

Berner Zeitung

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