Für den ÖV-Anschluss braucht es schnelle Beine

Region Bern

Das Problem stellt sich in Wichtrach wie auch in Münchenbuchsee: Wenn der Bus aus den umliegenden Dörfern ankommt, fährt der Zug schon ab. Knappe Anschlüsse sind im ÖV-System Alltag geworden.

Morgendliche Hetze in Wichtrach: Der Wechsel vom Postauto zum Zug gelingt oft nur im Eilschritt. Foto: Andreas Blatter

Morgendliche Hetze in Wichtrach: Der Wechsel vom Postauto zum Zug gelingt oft nur im Eilschritt. Foto: Andreas Blatter

Stephan Künzi

Es ist Morgen für Morgen dasselbe. Wenn zur besten Pendlerzeit in Kirchdorf das 7.14-Uhr-Postauto nach Wichtrach vorfährt, sind die Plätze schon gut belegt. Oft ist der Bus auch zu spät dran, gerade im Winter, wenn die Strassen schlecht sind, mehr Pendler als gewöhnlich zusteigen und der Chauffeur zusätzliche Billette verkaufen muss. Das alles kostet Zeit, die eigentlich nicht vorhanden ist.

Denn in Wichtrach bleiben zum Umsteigen auf die S-Bahn nach Bern gerade mal zwei Minuten – nach Fahrplan. Entsprechend steigt im Bus die Nervosität, bei den Fahrgästen genauso wie beim Chauffeur, der sich redlich bemüht, den Anschluss doch noch zu erwischen.

Zügig geht es talwärts, noch zwei kurze Halte und kurz vor dem Bahnhof ein banger Blick aufs Gleis, das zum Glück noch leer ist, weil der Zug meist ebenfalls Verspätung hat. Raschen Schrittes reicht es gerade noch – geschafft.

Szenenwechsel, Samstagabend in Wengi. Beim Zusteigen sitzen nur vier Personen im Bus des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS). Leicht verspätet geht es kurz nach 23 Uhr los – und ohne Halt nach Münchenbuchsee. Doch oha, auch diesmal macht die Umsteigezeit von drei Minuten Eile nötig. Sonst ist der Zug nach Bern weg, und es droht wie in Wichtrach eine halbe Stunde Warten im winterlich kalten Durchzug.

Ein Turnschuhanschluss sogar am Abend, wenn kaum jemand unterwegs ist? Bahn- und Buspassagiere brauchen den saloppen Ausdruck, wenn sie von Zug zu Zug, von Bus zu Bus oder eben von Bus zu Zug rennen müssen. In einem öffentlichen Verkehr, der immer enger getaktet ist (siehe Kasten unten), scheint er Alltag zu werden.

Eine erste Korrektur

Der RBS weiss um das Problem. Sprecher Caspar Lösche spricht von einem «sehr, sehr komplexen System». Er erinnert daran, dass die Linie von Wengi nach Münchenbuchsee bereits in Solothurn beginnt und dort sowie später auch in Büren an der Aare ähnlich knappe Zuganschlüsse herstellen muss. Deshalb liessen sich die Kurse nicht beliebig schieben.

Auch auf der Linie, die Bätterkinden mit Lyss verbindet, hat der RBS mit den Anschlüssen Mühe. Die Parallele hat Gründe, wie Lösche weiter ausführt. Beide Linien sind nicht nur zwischen mehreren Bahnhöfen eingeklemmt, sondern auch lang. Das macht sie anfällig für Verspätungen, denn unterwegs kann immer etwas passieren.

In dieser Situation ist der RBS nicht untätig geblieben. Weil die Busse nach Münchenbuchsee morgens regelmässig im Verkehr stecken blieben, hat er ein paar Kurse wieder bis Zollikofen verlängert, wo viel mehr Züge fahren. Noch bis vor gut einem Jahr verkehrten sämtliche Busse auf dieser längeren Strecke.

Dann führte der RBS sein heutiges Konzept ein, setzte die eingesparten Kilometer für den Halbstundentakt am Morgen und am Abend ein und schaffte so ein dichteres Angebot. «Kostenneutral» getreu den kantonalen Vorgaben, wie Lösche betont.

Begrenzte Geldmittel

Bei der Linie im Raum Kirchdorf liegen die Dinge genau gleich. Auch sie verbindet zwei Bahnhöfe, am einen Ende liegt Kaufdorf, am anderen eben Wichtrach. Und auch bei ihr sind Korrekturen ergriffen worden. Um Zeit zu sparen, verzichtet Postauto teilweise auf den Umweg über Gerzensee.

Allerdings just nicht bei den Pendlerkursen – die Chauffeure haben daher die Weisung, auf den Anschluss in Wichtrach zu achten und verspäteten Zügen in Kaufdorf davonzufahren. Zum Preis, dass die Pendler dort sogar eine Stunde auf den nächsten Bus warten.

«Die Finanzmittel der öffentlichen Hand sind begrenzt, die Behörden sind verpflichtet, sie nach wirtschaftlich vertretbaren Kriterien einzusetzen», sagt dazu Postauto-Sprecher Urs Bloch. Um die Anschlüsse an beiden Bahnhöfen sicher gewährleisten zu können, müsste Postauto statt wie heute ein Fahrzeug gleich deren zwei einsetzen. Die Kosten würden sich verdoppeln.

Etwas ist Bloch noch wichtig: Bei allem Bemühen um den Zuganschluss habe die Sicherheit während der Fahrt «oberste Priorität». Das gebe man den Chauffeuren so mit auf den Weg.

Einen Kurs früher

Trotzdem will der Kanton nicht verallgemeinern. Die Schwierigkeiten auf der RBS-Linie nach Münchenbuchsee seien bekannt, lässt die Verkehrsdirektion ausrichten. Ansonsten bekomme die Verwaltung aber «kaum Reklamationen wegen zu knapper Anschlüsse» zu hören. Wenn schon, sei eher das Gegenteil der Fall: «Die Reaktion auf knappe Anschlüsse ist in den meisten Fällen positiv.»

Auf diese Kehrseite der Medaille weist auch Pro Bahn als Lobbyorganisation der Fährgäste hin. Schlanke Verbindungen seien «eigentlich immer gut», hält Regionalpräsident Aldo Hänni fest – um doch zu relativieren: Turnschuhanschlüsse liessen sich aus Sicht der Vereinigung überhaupt nicht vertreten. «Wir stehen für alle ein, auch für Senioren, Familien mit Kindern oder Behinderte.»

Allen, die sich knappe Umsteigezeiten nicht leisten können, rät Hänni, auf einen früheren Kurs auszuweichen. In Kirchdorf wird diese Erkenntnis längst gelebt: Wer am Morgen pünktlich in Bern sein muss, startet mittlerweile statt um 7.14 Uhr schon um 6.37 Uhr.

Berner Zeitung

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