«Für den Chessu ist man nie zu alt»

Biel

Das älteste autonome Jugendzentrum (AJZ) der Schweiz feiert: Vor 50 Jahren wurde mit einer Demo der Grundstein zum Gaskessel Biel gelegt. Renato Maurer (62) ist seit den ersten Jahren dabei. Er erinnert sich an die Anfänge.

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«Ich bin handwerklich nicht so begabt. Darum war ich zuerst nicht begeistert, als ich 1973 zum ersten Mal im Chessu war. Ein Kollege aus dem Gymer hatte mich überredet. Der Chessu war damals noch völlig anders, noch kein Kulturzentrum, er war eine Baustelle. 10 bis 15 Leute arbeiteten an den Wochenenden hier.

Als wir um Mitternacht fertig waren, wollte ich nach Hause gehen. Die anderen sagten: Warte, jetzt gehen wir noch raus. Um den Gaskessel herum war damals Brachland – vielleicht darum hatten die engagierten Jugendlichen den Gaskessel nach ihren Demos im Jahr 1968 auch erhalten – dort machten wir ein Feuer, jemand spielte Gitarre, wir sassen zusammen. Es war schön, ich war fasziniert von dieser Stimmung.

«Arbeitsgruppen machten den Kessel aus»

Von da an half ich fast jedes Wochenende bei den Bauarbeiten. Sie dauerten von 1971 bis 1975. Im Mai 1975 war offizielle Eröffnung. Wenn ich daran denke, muss ich schmunzeln. Partys gab es vorher schon unzählige, nur richtige Konzerte waren undenkbar. Bald bildeten sich auch erste Arbeitsgruppen, eine Lehrlingsgruppe, eine Fotogruppe oder eine Kindergruppe, die unter anderem eine Kinderwoche organisierte.

Mit der Zeit wurden es immer mehr Arbeitsgruppen, sie machten den Kessel aus. In den letzten Jahren ist die Zahl der Arbeitsgruppen wieder geschrumpft. Doch wenn andere manchmal schimpfen, der Gaskessel sei nur noch ein Kommerzhaufen, muss ich schmunzeln. Es gab immer Zeiten, zu denen die Leute im Chessu aktiver waren, und Zeiten, zu denen es ruhiger war.

Ich selber kam dann ein paar Jahre nicht mehr in den Chessu. 2007 stieg ich wieder ein. Später stand ich mal an einem Konzert unauffällig in den hinteren Reihen, doch die Jüngeren haben mich erkannt und angesprochen. Als ich kurze Zeit danach an eine Sitzung ging, musste ich schmunzeln: Es war exakt derselbe Entscheidungsprozess, wie ich ihn in Erinnerung hatte.

Gemeinsam Entscheide treffen

Es war das, was ein autonomes Jugendzentrum ausmacht. Man traf alle Entscheide gemeinsam. Und das Schöne daran: Ein 17-Jähriger, der zum ersten Mal an einer Sitzung mit dabei ist, hat das gleiche Mitbestimmungsrecht wie ich. Das ist ein Türöffner für junge Interessierte. Zu alt dafür fühle ich mich nicht, auch wenn meine Söhne den Chessu mittlerweile häufiger besuchen als ich. Ein AJZ soll ja für alle offenstehen, das war schon immer so. Auch in den 1970er-Jahren kamen manchmal 40- oder sogar 50-Jährige, die waren ebenfalls willkommen.

Etwas anderes macht uns in letzter Zeit Sorgen: Neben dem Gaskessel ist ein Hotel geplant, die Profile stehen schon, angrenzend werden Wohnungen gebaut, die eher für die Oberschicht sind. Das ganze Gebiet wurde in den letzten Jahren aufgewertet, und das ist nicht schlecht. Dass wir nun einen belebten Platz statt eines Parkplatzes vor dem Kulturzentrum haben, darum sind wir froh. Doch hier ist es am Wochenende laut und lebendig, da kann man nicht einfach die Polizei anrufen.»

Renato Maurer (62) ist ursprünglich Lehrer und bietet heute als Selbstständiger Interventionen und Präventionen in Schulen an. Er arbeitet an einem Buch über die Geschichte des AJZ Biel.

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