Für Berns Luftqualität sieht der VCS rot

Bern

Über dem Berner Bahnhofplatz leuchtet eine rote Lichtinstallation. Der VCS will damit auf die vermeintlich schlechte Luftqualität in den Schweizer Städten hinweisen. In Wahrheit ist Berns Luft aber unbedenklich.

Alarmierend rot leuchtet der Stadtluft-Anzeiger des VCS an der Heiliggeistkirche in Bern.
Sheila Matti

Knallrot leuchten die Neonröhren der Lichtinstallation, welche seit einigen Tagen an der Heiliggeistkirche in der Stadt Bern prangert. Angebracht wurde der sogenannte Stadtluft-Anzeiger vom Verkehrsclub der Schweiz (VCS). «Die Anzeige leuchtet rot, wenn die Stickoxidkonzentration den Jahresmittelwert von 30 Mikrogramm pro Kubikmeter überschreitet», erklärt Martin Winder, Leiter der Kampagne, die bis Ende Februar läuft.

Würde der Stickstoffgehalt unter 30 Mikrogramm pro Kubikmeter fallen, könnten die Röhren auch grün leuchten. Damit rechnen sollte man jedoch bis zum Kampagnenende im Februar nicht. Denn: Die Kampagne sei aus mehreren Gründen irreführend, sagt Richard Ballaman, Chef der Sektion Luftqualität beim Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Kein breites Farbspektrum

Einerseits greift die Anzeige an der Heiliggeistkirche auf die Daten der Messstation zurück, welche gut 200 Meter entfernt, beim Bollwerk steht – ein denkbar schlechter Standort, wie Ballaman betont: «Die Strasse dort ist eng und stark befahren.» Die dort gemessenen Werte seien nicht repräsentativ für die durchschnittliche Luftqualität in der Stadt Bern.

«Auch die Farbwahl, die der VCS getroffen hat, ist vielleicht ­etwas unglücklich», meint Ballaman weiter. Die Anzeige des VCS kennt nämlich nur die beiden Signalfarben rot und grün, weshalb sie nur zwischen zwei Extremen differenzieren kann.

Das Bafu hingegen bedient sich für seine eigene Karte, der Feinstaubbelastung, welche besonders im Winter wichtig ist und die auf seiner Website ersichtlich ist, eines weitaus brei­teren Farbspektrums: Hier erscheint der Bereich rund um den Bahnhof Bern in einem grünen Licht. Gelb würde er erst bei einer Überschreitung des Tagesgrenzwertes von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter für Feinstaub, für den roten Farbton braucht es ganze 75 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Im Gegensatz zum VCS orientiert sich das Bafu für die Beurteilung der aktuellen Belastung nämlich nicht am jährlichen Durchschnittswert, sondern am Immissionsgrenzwert für Tagesmittel. Dieser ist für Stickstoffdioxid bei 80 Mikrogramm pro Kubikmeter festgelegt – ein Wert, der nur selten überschritten wird.

Eine erfreuliche Entwicklung

Wie die gesammelten Daten des Bafu zeigen, befindet sich die Schweiz auf einem guten Weg: Seit den 1980er-Jahren hat die Stickstoffbelastung konstant abgenommen. Dank der Verschärfung der Abgasgrenzwerte sowie der Einführung von Katalysatoren bei Personenwagen konnten die Emissionen bis zu 50 Prozent reduziert werden.

Eine erhöhte Stickstoffbelastung könne aber nach wie vor zu Erkrankungen der Atemwege führen, so Ballaman: «Deshalb sollte die Situation nicht verharmlost werden.» Ganz so dramatisch, wie es die roten Lichter an der Heiliggeistkirche vermuten lassen, stehe es aber nicht um die Berner Luft.

Weitere Infos unter Stadtluft-anzeiger.ch und Bafu.ch.

Berner Zeitung

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