Frühstück? Nur um 7.45 Uhr!

Ostwärts

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

(Bild: Raphael Moser)

Nass bis auf die Haut kommen wir im ukrainischen Grenzort Hluchiw an. Die letzten 20 Kilometer von 130 waren mörderisch: 12 Steigungen und Abfahrten, Windböen und Seen auf der Strasse. Hotels? Keine. Menschen? Da ist nur Alexei, ein junger Mann mit Schirm und leuchtend roten Schuhen. Er kenne das einzige Hotel in Hluchiw und begleite uns gerne hin, sagt er mit breitem Lächeln und gesteht: «Ich mag dieses Wetter.»

Nach etlichem Hin und Her auf löchrigen Schotterpisten stehen wir vor einem stattlichen Haus, das nicht zum heruntergekommen Dorf passt. Die Dame an der Rezeption mustert uns drei tropfnassen Individuen streng, zeigt aber Milde.

Wir einigen uns, und ich sage, dass wir um acht Uhr frühstücken möchten. Die Frau schaut mich entgeistert an: «Um acht? Unmöglich. Da frühstückt das Direktorium, und das Personal ist beschäftigt. Sie essen entweder um 7.45 oder eine Stunde später.» Ich fühle mich in die Sowjetunion zurückversetzt, wo die Funktionäre über allen anderen standen, gebe aber klein bei: «Gut. 7.45.»

Von Kiew an den Baikalsee: Rund 6150 Kilometer quer durch Russland. Quelle: Google Maps

Trotz Verbot waschen wir unsere Wäsche im Zimmer. Wir duschen und legen uns in saubere Betten. Ahhh. Lesen, aufwärmen, Komfort geniessen. Nicht lange. Um 22.30 Uhr poltert es an die Tür. Eine Frauen- und eine Männerstimme brüllen: «Aufmachen!» Mich packt die Angst. Die Polizei? Ob man herausgefunden hat, dass wir Journalisten sind?

Nein. Vor der Tür stehen ein Mann und eine junge Frau. Sie wollen wissen, was wir zum Frühstück wünschen. Eier, Brot, Butter, Kaffee, zähle ich auf, sie notiert. Am Morgen ist alles da, ausser Milch und Konfitüre. «Wir haben nur das, was Sie bestellt haben», sagt die Bedienung. Satt sind wir trotzdem. Wir packen, putzen die Fahrradketten und rumpeln Richtung Grenze. Am Himmel hängen schwarze Wolken, aber wir bleiben trocken.

Laura Fehlmann (64) arbeitete bis Februar auf der BZ-Regional-redaktion. Nun radelt die pensionierte Journalistin von Kiew bis an den Baikalsee. In der Kolumne «Ostwärts» berichtet sie über ihre Erlebnisse auf den rund 6150 Kilometern.

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