Freigeister hacken kulturelle Daten

Bern

Hundert Hacker aus ganz Europa stellen dieses Wochenende kulturelle Daten zuerst auf den Kopf, dann ins Netz. Sie bestreiten in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern den ersten Schweizer Kultur-Hackathon.

Gut gerüstet: Hacker Stefan Bakocs, ein Künstler und Freigeist, ist mit seinen Laptop bereit für den ersten Schweizer Kultur-Hackathon in der Nationalbibliothek.

Gut gerüstet: Hacker Stefan Bakocs, ein Künstler und Freigeist, ist mit seinen Laptop bereit für den ersten Schweizer Kultur-Hackathon in der Nationalbibliothek.

(Bild: Matthias Käser)

Laptop und Internetzugang – viel mehr brauchen sie nicht, die Hackerinnen und Hacker, die sich dieses Wochenende in der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) versammeln. Sie wollen «eingesperrte» Daten der Öffentlichkeit zugänglicher machen, erklärt der Webentwickler Stefan Oderbolz.

Wie sie das genau tun, wissen vorgängig weder die Hacker noch die Veranstalter des ersten Schweizer Kultur-Hackathons. Laut Matthias Nepfer, Leiter Innovation und Informationsmanagement der Nationalbibliothek, sei der Anlass ein Experiment. Wie die Events «Open Cultuur Data» in den Niederlanden und «Coding Da Vinci» in Deutschland soll auch der Schweizer Kultur-Hackathon die Nutzung gemeinfreier kultureller Güter verstärken.

In Schweizer Archiven, Bibliotheken und Museen sammeln sich historische Zeitzeugnisse in jedem Format. Das kulturelle Gut gehört in die Öffentlichkeit, doch nicht immer findet es den Weg dorthin. «Jede Informationssuche im Internet beginnt mit einer Suchmaschine, und häufig endet sie auch dort», erklärt Matthias Nepfer. «Was die Suchmaschine nicht findet, ist nicht existent.»

Kunst recyceln

Das soll sich nun ändern. Über dreissig Schweizer «Gedächtnisinstitutionen» stellen den Hackern ihre digitalisierten Bestände zur Verfügung mit der Erlaubnis: «Spielt damit.» Fotografien von Spelterini, Werke von Rousseau, Grammofonaufnahmen, Strassenkarten – die Liste ist lang, und die Hacker sind bereit zum Recyceln. Unter ihnen befinden sich Programmierer, Wikipedianer, Wissenschafter oder Künstler, die nach kreativen Darstellungs- und Nutzungsformen suchen.

Freaks, Intellektuelle, Obsessive: Das Internet findet eine Vielzahl von Bezeichnungen für Hacker. Auf manche treffen sie wohl zu: Sie absolvieren den virtuellen Marathon in der Freizeit, legen bisweilen Freinächte ein, tüfteln unentgeltlich und aus «Interesse an der Sache» – wie Stefan Oderbolz. Manchmal entstehen daraus Geniestreiche wie die Webseite «Verbrannte und Verbannte» – eine Visualisierung der im Dritten Reich verbotenen Publikationen. Anderes befriedigt die Lust am Nonsens, so die App, die einen James-Joyce-Roman beliebig demontiert und neu zusammenfügt. Matthias Nepfer ist gespannt. «Im besten Fall entstehen weiterverwendbare Ergebnisse.»

Der olympische Gedanke zählt

Das hoffen auch andere Datenlieferanten, unter ihnen das Historische Museum Basel oder die Swissbib. Sie präsentieren ihre Daten am Freitagmorgen. Vage Projektideen sind im Raum, auf Papier an die Wand gepinnt, per Mikrofon verkündet: «Frederik und Larissa aus Stuttgart. Wir gestalten eine automatische Musikreise. Man darf sich uns anschliessen.»

Die Idee hatten die beiden 19-Jährigen im Zug in die Schweiz. Eine Musik-App könnte ortsabhängig die passende Musik spielen: «Die Fantastischen Vier in Stuttgart, Jodel in der Schweiz». Das Ganze gleicht einem Markt: Kunsthistorikerin sucht Game-Entwickler, Architekt sucht Programmierer, und damit sie sich finden, tragen sie farbige Punkte auf den Namensschildern. Stefan Bakocs’ Punkt ist gelb. Ein Künstler also. Was er für Kunst macht? «Lebenskunst. Den Zürichsee geniessen, Dinge neu aneinanderreihen und ihnen so neuen Sinn verleihen», sagt Stefan Bakocs Das klingt abstrakt und nach Freigeist. Letzteres ist gefragt am Hackathon in der Nationalbibliothek. «Es geht nicht darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen», sagt Stefan Oderbolz. «Der olympische Gedanke zählt: Engagement, gemeinsam etwas Cooles gestalten, neue Leute treffen.»

Ob also ein Geniestreich oder Nonsens dabei herauskommt – der Netzfaktor ist garantiert: Die Hack-Communitys vernetzen sich vor Ort und die Gedächtnisinstitutionen ihr Kulturgut virtuell.

Berner Zeitung

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