Fischen

Teletext auf dem Smartphone, Stille im Café und ein unübliches Accessoire.

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Es war einer dieser Samstagmorgen. Noch vor den Eisheiligen. Der Frühling trug also noch das Sommerkleid und nicht schon wieder den Wintermantel. Das Café lag golden in der Morgensonne, die Zeitungen raschelten, aus den Aschenbechern stieg Rauch auf – kurz: es herrschte Frieden. Ich sass in die Zeitung vertieft alleine an einem Tisch – dachte ich zumindest.

Denn als ich den Kopf hob, sass da ein Pärchen. Beide waren in meinem Alter. Er trank Kaffee, sie Limonade. Beide hatten ihre Zigarettenpäckchen vor sich auf dem Tisch. Ich widmete mich wieder der Zeitung – spitzte die Ohren und hörte: nichts. Minutenlang kein Mucks. Ich blickte verstohlen rüber. Er sass leicht vornübergebeugt über seinem Smartphone, die Ellbogen auf dem Tisch abgestützt, und las über Teletext Sportergebnisse. Ja, Teletext. Auf dem Smartphone.

Sie derweil sass einfach da. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, und blickte … ja, wohin? Sie blinzelte höchstens einmal pro Minute. In der linken Hand rauchte eine Zigarette. So ging das. Während einer Dreiviertelstunde nur Stille. In all der Zeit sagten sie kein einziges Wort zueinander.

Irgendwann hustete er und stand auf. Sie griff zu ihrer Tasche und tat es ihm gleich. Dann gingen sie. Nach ein paar Metern drehte er sich plötzlich um, kam zurück und langte unter den Tisch. Eine Angelrute kam zum Vorschein. Als er sie wieder eingeholt hatte, schritten sie gemütlich davon. Er links mit der Angelrute in der linken Hand. Sie rechts mit der Tasche in der rechten Hand. Irgendwann suchten seine Finger zärtlich die ihren, und so spazierten sie in einen friedlichen sommerlichen Samstag hinein.

Berner Zeitung

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