Fettnäpfchen-Alarm beim Stapi

Bern

2016 trat Wahlkämpfer Alec von Graffenried als Befürworter der Gemeindefusion zu Grossbern auf. Heute tritt der Stapi mit der Vision bei «Bern neu gründen» auf. Die Gemeindepräsidenten der Region werden ­genau hinhören. Sehr genau.

Alec von Graffenried: Das kleinste Anzeichen städtischer Arroganz, das aus dem Erlacherhof dringt, wird in der Region aufmerksam registriert.

Alec von Graffenried: Das kleinste Anzeichen städtischer Arroganz, das aus dem Erlacherhof dringt, wird in der Region aufmerksam registriert.

(Bild: Beat Mathys)

Jürg Steiner@Guegi

Wenn man sich als Berner Lokalpolitiker ins Abseits argumentieren will, schlägt man am besten eine grössere Gemeindefusion vor: Diese Gesetzmässigkeit überlebt, obschon man in der Agglomeration Bern seit Jahrzehnten mit wachsender Dringlichkeit von der Notwendigkeit redet, die überkommunale Zusammenarbeit zu verbessern.

Dann kam Alec von Graffenried (GFL). Im Stadtberner Wahlkampf positionierte er sich vis-à-vis seiner Kontrahentin Ursula Wyss (SP) im Dialog mit der oft störrischen Agglomeration als smarter Brückenbauer. Aber: Was Gemeindefusionen angeht, outete sich von Graffenried im Vergleich zu Wyss als Turbo. Sie müssten kommen, die Fusionen, wenn auch von unten.

Jetzt ist von Graffenried Stadtpräsident, und am Dienstagabend an der Mitgliederversammlung des Vereins «Bern neu gründen» will er darlegen, wie er das Gespräch zu den umliegenden Gemeinden aufgleisen will.

Vision Grossbern

2014 legte «Bern neu gründen» eine Studie des Büros Ecoplan vor, die als Vision für das Jahr 2030 ein Grossbern als Fusionsprodukt der Stadt mit den elf an sie grenzenden Gemeinden auslotet. Der gemeinsame Steuerfuss der hypothetisch zweitgrössten Schweizer Stadt läge bei ­hohen 1,45. Realistischerweise liefert die Studie eher Bausteine zu einer Stadtregion Bern als eine Roadmap für eine Grossfusion.

Eine kleine Umfrage zeigt: Die Gemeindepräsidenten der stadtnahen Agglomerationsgemeinden werden sehr genau hinhören, was von Graffenried jetzt als Stadtpräsident sagt.

Der Grundtenor: Zwar geniesst von Graffenried persönlich Kredit als verständnisvoller Vermittler. Was Sorgen macht, ist die rot-grüne 4:1-Mehrheit in seiner Regierung. Das kleinste Anzeichen städtischer Arroganz, das aus dem Erlacherhof dringt, wird in der Region aufmerksam registriert. Dass der Gemeinderat jetzt etwa gegen die vom Grossen Rat beschlossene Neubewertung nicht landwirtschaftlicher Liegenschaften vor Bundesgericht geht, kommt ausserhalb der Stadtgrenzen nicht nur gut an.

Inspiration im Boccia-Club

Für Marco Rupp (BVI), Gemeindepräsident von Ittigen, ist wichtig, dass die Stadt der Region partnerschaftlich begegnet, vor allem, weil sich das Abhängigkeitsgefälle deutlich verringert habe. Hier die grosse, starke Stadt, dort die Agglo, die von deren Leistungen profitiere: Diese einseitige Beziehung sei vorbei – doch das sei in der Öffentlichkeit noch längst nicht überall klar. Bevölkerungsmässig ist der engere Aggloring heute praktisch gleich gross wie die Stadt, und könnte Letztere nicht Bundesarbeitsplätze nach Ittigen, Zollikofen oder Ostermundigen auslagern, wärs um Berns Standortattraktivität wohl längst geschehen.

Nach Rupps Einschätzung ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit überkommunaler Zusammenarbeit in der Agglomeration bei den Behörden kontinuierlich gewachsen, auch wenn sich das nach aussen nicht spektakulär kommunizieren lasse. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Boccia-Club, in dem sich die Präsidenten der stadtnahen Regionsgemeinden regelmässig austauschen – und parteipolitische Differenzen auch mal aussen vor lassen können. Projekte wie die Neuauflage des Trams Region Bern nach Ostermundigen, die Engpassbeseitigung auf A 1 und A 6 oder die umstrittene Berner Velobrücke könnten nur zur Diskussionsreife gebracht werden, wenn im Hintergrund die überkommunale Zusammenarbeit funktioniere.

Dorniger von Graffenried

Auf technischer, operativer und strategischer Ebene, bestätigt Andreas Kaufmann (GLP), Gemeindepräsident von Bremgarten, laufe die Zusammenarbeit in der Kernagglomeration Bern schon sehr gut. Eine politische Integration, also eine Fusion, findet er, würde «wohl zu einer Verschlechterung der Situation führen» – unter anderem, weil die Bürger die Nähe zur kommunalen Verwaltung schätzten. Trotzdem hofft Kaufmann, dass Alec von Graffenried auch «dank der grossen Ressourcen seiner Stadtverwaltung ein wenig der Dorn in der Behäbigkeit der Kernagglomeration sein wird».

Genauso denkt Bänz Müller (SP plus), Gemeindepräsident von Wohlen, für den regionale Zusammenarbeit hohe Priorität hat. Er schätze «die aktive Haltung von AvG» sehr. Ihm aber die Rolle des Leaders zu übertragen, hielte Müller für verfehlt. «Gute regionale Lösungen finden wir, weil wir auf Augenhöhe zusammenarbeiten.»

Selbstverständlich sei eine «gut vernetzte und starke» Kernagglomeration fundamental für die Bewältigung der Aufgaben einer Gemeinde wie Zollikofen, sagt deren Präsident Daniel Bichsel (SVP). Aber: Sie dürfe nicht verordnet, sondern müsse im Einzelfall geprüft werden und mache nur Sinn, wenn entweder tiefere Kosten oder bessere Leistungsfähigkeit resultiere. In welcher Rolle Daniel Bichsel den Stadtpräsidenten gern sähe, möchte er diesem lieber im persönlichen Gespräch mitteilen.

Was er ihm sicher schon mal zuflüstern kann: In der «Aussenpolitik» wird Alec von Graffenried wohl mehr Fettnäpfchen ausweichen müssen als in der Stadt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt