Fenster zu den vielen Welten der Sense

Vom Fotografen aus Niederscherli liegt ein neues Buch vor. Es trägt den schlichten Namen «Sense» und zeichnet mit Bildern und Texten ein poetisches Bild des Flusses.

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m frühen Morgen dringt noch kein Sonnenstrahl in den Sensegraben. Die hohen Felswände, die Steine im Flussbett und der Himmel sind grau. Den einzigen Farbtupfer bildet der rote Pullover von Peter Imhof, der in Gummistiefeln durch die Sense watet.

Der Hauptarm des Flusses führt nur wenig Wasser. Hier und dort sucht sich ein Rinnsal den Weg durch die Steine, und in kleinen Tümpeln leuchten grüne Algen.

«Diese smaragdgrünen ‹Glungge› sind für mich eines von vielen Wundern, die es an der Sense zu entdecken gibt», sagt der Fotograf, der inzwischen näher gekommen ist. Diese Tümpel sind nach Hochwassern entweder verschwunden oder an einem andern Ort zu finden.

Peter Imhof liebt die ständige Bewegung von Wasser und Steinen und die unterschiedlich breiten Flussläufe, die damit neu entstehen. «Ich bin selber ein Bewegungsmensch und kann ohne weiteres fünf Stunden und länger flussaufwärts wandern», sagt er. Obschon er das schon seit Jahren tut, kann er sich an diesen Flusswelten nicht sattsehen. «Ich entdecke in dieser urtümlichen Landschaft immer wieder Neues, Verändertes und Wildes.»

Deshalb trägt das Sensebuch auch den Untertitel «Die wilde Schönheit einer vergessenen Urlandschaft». Und für ihn ist der Sensegraben, wie er im Volksmund heisst, kein Graben, sondern eine Schlucht.

Alpenrosen am Abgrund

Bei der Frage, welche Bilder im Buch er am liebsten mag, muss Peter Imhof nicht lange überlegen. Er blättert zum Kapitel «Das Wunder der Alpenrosen»: Diese Blumen wachsen sonst in Höhenlagen um 1300 Meter über Meer. Aber Imhof hat schon vor Jahren am Rand der Senseschlucht auf Berner Boden Alpenrosen entdeckt und fotografiert.

Die herrlichen roten Blüten, die man sonst mit den Alpen verbindet, leuchten vor der Kulisse der Schlucht, die streckenweise um 200 Meter tief ist. Unten, umgeben von dichtem Wald, ist der Fluss zu sehen.

Der Fotograf erzählt, wie dieses Bild zustande kam: «Ich hielt mich mit einer Hand an einem Grotzli fest, mit der anderen fotografierte ich.» Geheimnisvoll und auch gefährlich sei dieser Platz, wo die Alpenrosen wohl schon seit Jahrhunderten wachsen. «Ein Wunder, dass ich sie überhaupt entdeckt habe.»

Wilde Natur

Was Peter Imhof ebenfalls fasziniert, sind die Steine in der Senseschlucht, die eigentlich ein Felssturzgebiet ist. Davon zeugen riesige, oft haushohe Steinblöcke im Flussbett, an denen sich Bäume und Äste stauen, die Hochwasser mit sich brachten.

Auch das ist ein Thema im Sensebuch. Ein Kapitel beschreibt in Wort und Bild, wie die «entfesselten Fluten toben», alles mitreissen und das natürliche Auengebiet neu gestalten. Letzteres ist einer der Gründe, weshalb der WWF Deutschland die Sense zum schönsten natürlichen Fluss des Alpenrandgebiets erklärt hat. Darüber freut sich Imhof sehr. Schliesslich ist auch er dieser Meinung.

Peter Imhof hat ursprünglich Typograf gelernt, wechselte aber schon nach der Lehre in die Werbebranche, wo er bis zur Pensionierung blieb. Zwischen Arbeit und Familie – Imhof ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern – sei keine Zeit für Hobbys geblieben.

Umso mehr habe er den neuen Freiraum genossen. In den ersten Jahren als Rentner hat Imhof mit dem Schreiben berndeutscher Kurzgeschichten begonnen: Die Bücher «Chabisland», «Gürbechempe» und «Senseflüe» wurden zu Bestsellern und verkauften sich tausendfach.

Der Autor wird oft zu Lesungen eingeladen, das bringt etwas Abwechslung in sein Leben, das von regelmässigen Fotowanderungen an der Sense geprägt ist, wo er ein inneres Zuhause gefunden hat. Mit grünen Gummistiefeln und im roten Pullover steht Peter Imhof im Wasser. Plötzlich dringen erste Sonnenstrahlen in die Schlucht und verzieren die unscheinbaren grauen Steine mit zauberhaftem Glanz.

Berner Zeitung

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