Fall Urwyler mobilisiert Politikerinnen

Politikerinnen greifen den Fall der entlassenen Ärztin Natalie Urwyler auf: SP und Grüne wollen mit Vorstössen bewirken, dass die Regierung dem Inselspital punkto Frauenförderung besser auf die Finger schaut.

Kämpferisch: Natalie Urwyler.

Kämpferisch: Natalie Urwyler. Bild: Nicole Philipp

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Die Anästhesie-Ärztin Natalie Urwyler (43) ist auf dem besten Weg, zur Identifikationsfigur für die Förderung von Frauenkarrieren in der Medizin zu werden. «Ich bewundere ihren Mut und ihre Entschlossenheit», sagt beispielsweise Ursula Marti, Präsidentin der SP Kanton Bern und Grossrätin, über Urwyler, die von sich selber sagt, alles andere als eine Linke zu sein.

«Ich bewundere Natalie Urwylers Mut und ihre Entschlossenheit.»Ursula Marti, SP-Präsidentin

An der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie (KAS) des Inselspitals war Urwyler Oberärztin, als sie im Sommer 2014 wegen «gestörten Vertrauensverhältnisses» entlassen wurde. Jahrelang hatte sie die Männerdominanz auf der Karriere­leiter und den mangelhaften Mutterschutz an der KAS intern angeprangert.

Weiterzug offen

Urwyler selber erlitt als Schwangere während einer langen Spitalschichte eine Fehlgeburt. Später, als sie ein Kind geboren hatte, wollte sie nach dem Mutterschaftsurlaub in einem Teilzeitpensum wieder einsteigen. Der Klinikleiter lehnte das ab und ­behinderte, so Urwyler, auch ihre wissenschaftliche Karriere.

Der Konflikt eskalierte, Urwyler wurde entlassen. Sie klagte gegen das Inselspital wegen Diskriminierung und Verletzung des Gleichstellungsgesetzes und bekam vergangenen November vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland recht. Das Inselspital müsste sie wieder einstellen. Seit vergangener Woche liegt das schriftliche Urteil vor. Noch ist offen, ob die Insel dieses ans Obergericht weiterzieht.

Persönlich hat Urwyler für ihren Kampf Einbussen in Kauf genommen. Ihre wissenschaftliche Karriere musste sie abschreiben. Ihre Stellensuche an anderen Universitätsspitälern verlief ergebnislos, weil sie, wie sie sagt, in diesem Milieu zur Persona non grata geworden war. Heute arbeitet sie als Fachärztin in einem Walliser Regionalspital.

Uwe Jochams Sensibilität?

Landesweit haben Medien Urwylers Fall als typisches Symptom für die Diskriminierung von Frauen in der Medizin aufgegriffen. Im Kanton Bern «muss ihr Fall zum Politikum werden», fordert Ursula Marti.

«Mich erinnert der Umgang mit Natalie Urwyler sehr an die Art und Weise, wie die Insel vor einem Jahr den Pflegebereich aus der Konzernleitung verbannen wollte», sagt Marti. Zwar musste die Insel die Pflege auf äusseren Druck hin wieder integrieren, aber zurück bleibe der Eindruck, dass man am Inselspital bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen nicht wahrhaben wolle.

Marti hat eine Interpellation formuliert, die sie in der Frühlingssession des Grossen Rats einreichen will.

Sie wirft sdie Frage auf, ob die Kantonsregierung bereit sei, ihre Aufsichtspflicht gegenüber dem Leistungserbringer Inselspital verstärkt wahrzunehmen, was die Einhaltung von Gleichstellungsgesetz und Diskriminierungsverbot angehe. Marti erhofft sich da vom neuen Insel-Direktionspräsidenten Uwe Jocham mehr Sensibilität.

Den Fall Urwyler aufs politische Tapet bringen will auch Grossrätin Natalie Imboden (Grüne). Sie möchte in ihrem Vorstoss vom Regierungsrat wissen, wie er sicherstellen wolle, dass der ­verfassungsmässige Auftrag der Gleichstellung am Inselspital auf allen Hierarchiestufen umgesetzt werde.

Dass Urwyler das Recht auf Gleichstellung an einem öffentlichen Spital mit einer Klage einfordern musste, bezeichnet Imboden als «Hypothek für den ganzen Kanton». Das Gesundheitswesen als grosser öffentlich finanzierter Arbeitgeber könne es sich auch angesichts des Fachkräftemangels immer weniger leisten, teuer ausgebildete und gut qualifizierte Frauen zu vergrämen, findet Imboden.

Chefärzte: 10 Prozent Frauen

Am Inselspital gibt es rund 8200 Vollzeitstellen. Nahezu 80 Prozent von ihnen sind von Frauen besetzt. In medizinischen Führungspositionen ist der Frauenanteil jedoch sehr stark ausgedünnt.

Die Kommunikationsabteilung des Inselspitals nennt auf Anfrage Zahlen: Auf Stufe Klinikdirektoren und Chefärzte beträgt der Frauenanteil aktuell 10 Prozent, wobei bei dieser Zahl auch die von der Uni angestellten Klinikdirektorinnen und -direktoren berücksichtigt seien.

Geht man eine Stufe tiefer und betrachtet «alle ärztlichen Funktionen ab der Stufe leitender Arzt», beträgt der Frauenanteil laut Inselspital 20 Prozent. Diese Zahlen zeigen: Auf der medizinischen Karriereleiter springen sehr viele Frauen ab, denn seit Jahren absolvieren mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium.

Die Insel selber hat verschiedentlich festgehalten, dass «im Topkader die Frauen stark untervertreten sind» und man das verbessern wolle. Zum Beispiel, indem Mitarbeiterinnen nach der Geburt ihres Kindes mit reduziertem Pensum wieder einsteigen können.

Sofern es betrieblich möglich sei, bekennt sich die Insel-Gruppe laut der Kommunikationsabteilung «im Grundsatz» zu dieser Möglichkeit der Frauenförderung. Ebenso sei der Mutterschutz in den letzten Jahren spürbar verbessert worden.

Vor zwei Jahren ging die Insel-Gruppe mit dem Berner Club der internationalen Business & Professional Women, einer der grössten Netzwerkorganisationen für Frauen, eine «strategische Partnerschaft» zwecks Frauenförderung ein. Konkrete Ergebnisse aus dieser Zusammenarbeit sind bisher aber nicht bekannt.

Öffentliche Debatte mit Natalie Urwyler, Christine Häsler (Regierungsratskandidatin Grüne), Joëlle de Sepibus (GFL), Thomas Cottier (emeritierter Professor Uni Bern), Mittwoch, 21. März, 18 Uhr, Restaurant Kreuz, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.02.2018, 09:12 Uhr

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