Plaffeien

Es rutscht und rutscht

PlaffeienEin Teil des Gerendacherli bei Rohr im Schwarzseetal rutscht pro Tag zwei bis fünf Zenti­meter. Ein Haus verschob sich um 1,4 Meter. Einige ­Anwohner sind in Panik.

<b>Der Asphalt senkt sich treppenartig.</b> Eine Strasse beim Hohbergbach wurde von der Rutschung auseinandergerissen.

Der Asphalt senkt sich treppenartig. Eine Strasse beim Hohbergbach wurde von der Rutschung auseinandergerissen. Bild: Raphael Moser

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Das Gebiet Gerendacherli rutscht. Und das schon seit Jahrzehnten. Bereits vor über 20 Jahren haben sich an einigen Häusern am Westhang bei Schwarzsee Risse gezeigt. Ein Gebäude war so stark beschädigt, dass es abgerissen werden musste. Nun ist die Gefahr wieder akut. Förster Franz Thalmann verfolgt die Entwicklung der Rutschung schon seit jener Zeit und ist auch jetzt für die Kontrollgänge zuständig. «Das Rutschgebiet ist knapp zwei Kilometer lang.

Geschätzt 35 Hektaren sind aktuell in Bewegung, nachdem wir 20 Jahre lang Ruhe gehabt haben», sagt Thalmann. Einen Stillstand habe es gegeben, nachdem im Jahre 2000 im rutschgefährdeten Gebiet 55 offene Gräben gemacht worden sind, damit das Wasser schneller abfliessen und in den tieferen Gleitschichten weniger Rutschungen verursachen kann. «Aber wir wussten, dass eine Reaktivierung möglich ist», sagt Thalmann, der eben von einer Sitzung in Plaffeien kommt. Dort hat er die aktuelle Lage und allfällige Massnahmen besprochen, unter anderen mit Oberamtmann Manfred Raemy.

«Wir hoffen»

An der Sitzung nahm auch Kurt Nydegger teil, Präsident des Quartiervereins Rohr-Gerend­acherli. Nydegger lebt dort seit 26 Jahren und hat kürzlich sein Haus umgebaut, das allerdings nicht in dem Gebiet steht, das am stärksten rutscht. «Wir können die Rutschung nicht aufhalten, hoffen aber, von Beschädigungen verschont zu bleiben», sagt er.

Andere Betroffene wollen sich nicht äussern. Einige sind in Panik, haben Messgeräte installiert und kontrollieren täglich. Das Gebäude einer Familie hat sich seit Ende Januar um 1,4 Meter nach unten verschoben.» Betroffene berichten von Garagentoren, die sich nicht mehr öffnen lassen, Erhebungen auf Vorplätzen und von Türen und Fenstern, die wie von Geisterhand zufallen.

Rutschung Hohberg: Blick auf den unteren Teil des betroffenen Quartiers.

Oberamtmann Manfred Raemy äussert Mitgefühl für die betroffenen Anwohner. «Für sie ist es schwierig. Aber auch die am stärksten betroffenen Gebäude – abgesehen von einer Scheune – sind noch bewohnbar. Menschen waren bis jetzt zu keiner Zeit gefährdet», sagt er. Im Moment haben sich die Bewegungen leicht verlangsamt. Oder, wie Willy ­Eyer vom Amt für Wald, Wild und Fischerei des Kantons Freiburg es ausdrückt: «Nach anfänglich sehr hohen Bewegungsraten stabilisiert sich die Rutschung jetzt auf hohem Niveau.» Im Quartier und direkt oberhalb ist der Schnee schon geschmolzen.

Aber weiter oben liegt noch viel. «Die Schneeschmelze wird sicher Einfluss auf das weitere Geschehen haben, erst recht wenn sie noch mit anhaltendem Regen gekoppelt wäre», sagt Eyer. Er erklärt, dass der Wasserdruck in einer Tiefe von 15 bis 17 Metern entscheidend ist, weil hier die wichtigsten Gleitflächen für Rutschungen liegen. Felsiger Untergrund liegt erst 50 bis 70 Meter tief, das verunmöglicht allfällige technische Massnahmen. «Aber man kann dafür sorgen, dass das Wasser oberflächlich abfliesst, das bringt schon viel», sagt Eyer. Zu den unguten Erinnerungen an den Sommer 1994, als in Plasselb 30 Millionen Kubikmeter Erdmaterial in die Tiefe rutschte und die Siedlung Falli-Hölli mitriss, meint er: «Die Ausgangslage war dort grundsätzlich anders. Ereignisse eines solchen Ausmasses kann man im Gerendacherli ausschliessen.»

Tiefe Gräben und Risse

Förster Franz Thalmann macht eine Führung im Rutschgebiet, fährt oberhalb des Quartiers hin, dort, wo das Gras noch braun ist, weil es bis vor wenigen Tagen schneebedeckt war. Krokusse weisen darauf hin, dass der Winter vorbei ist. Aber ein Blick nach oben zeigt: Der Winter ist noch nah. Und der Hohbergbach, der unter einer noch stabilen Holzbrücke durchsprudelt, ist bräunlich. Eindeutig Schmelzwasser.

Die Brücke liegt fast 1 Meter höher als die Strasse. Diese ist abgerutscht. Tannen stehen schräg. Sie werden gefällt, damit sie beim nächsten Unwetter nicht umstürzen. Auf der anderen Seite der Brücke weist das Strässchen nicht nur tiefe Risse auf, sondern der Asphalt senkte sich treppenartig nach unten.

«Die Schneeschmelze wird ­sicher Einfluss auf das weitere ­Geschehen haben.»Willy Eyer

Ein Stall weiter am Weg darf nicht benutzt werden. Die Grundmauer ist gespalten, und ein angebauter Unterstand steht so schräg, dass er wohl bald zusammenfallen wird. «Die Liegenschaftsbesitzer müssen der Gebäudeversicherung jeden Riss melden, damit Experten prüfen können, ob man das Gebäude noch bewohnen darf», sagt Thalmann. Derzeit rutscht das Gelände noch zwischen 4 und 5 Zentimeter pro Tag.

Gefahr für die Kühe

In einer Weide hat sich das Gelände verschoben. Über mehrere Hundert Meter sind sogenannte Verscherungen zu sehen, das sind Gras- und Erdballen, die sich übereinanderschoben und einen Wall bilden. Weil sich darunter Hohlräume befinden, wo Kühe einbrechen und sich verletzen könnten, darf die Weide derzeit nicht für das Vieh genutzt werden. Aber Thalmann ist optimistisch: «Nach menschlichem Ermessen ist kein schneller Rutsch zu erwarten.»

Aber so lange Schmelzwasser fliesst, gemischt mit reichlich Regen, wie das im Frühling oft der Fall ist, seien Bewegungen zu erwarten. Das Rutschgebiet ist bekannt und gut erforscht. Trotzdem wurden die Fachleute vom Tempo der Erdbewegungen überrascht.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2018, 21:49 Uhr

Förster Franz Thalmann.

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