Es ist Zeit, den ersten Schritt zu machen

Redaktor ­Markus Zahno über die Fusionsdebatte in Ostermundigen.

In Ostermundigen könnte nächsten Donnerstag ein historischer Entscheid fallen. Das Gemeindeparlament entscheidet über zwei Vorstösse, die zwar aus gegensätzlichen politischen Lagern stammen, aber ­etwas Ähnliches wollen. Die SP fordert: ­Ostermundigen solle «Fusionsverhandlungen insbesondere mit der Stadt Bern» in die Wege leiten.

Die FDP wünscht: Ostermun­digen solle «Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit bis zu einer Fusion mit den umliegenden Gemeinden» prüfen. Auch die Begründungen ähneln sich: Ostermundigen könne seine Aufgaben finanziell «kaum mehr bewältigen», so die FDP. Die SP argumentiert, die Sparzitrone sei ausgepresst; die Hoffnung schwinde, sich aus eigener Kraft aus der ­Abwärtsspirale zu befreien.

Das Thema Fusion kam in der Berner ­Vorortgemeinde schon mehrmals auf den Tisch. Ernsthafte Verhandlungen gab es aber noch nie. Vor 1983 gehörte Ostermundigen – wie Ittigen – sowieso zur Gemeinde Bolligen. Doch dann wuchs bei den Bolligern und Ittigern die Sorge, immer mehr von den ­Ostermundigern überstimmt zu werden.

Denn Ostermundigen wuchs rasant: Von 1960 bis 1980 siedelten sich hier über 8000 neue Einwohner an. Deshalb entstand die Idee, die Viertelgemeinden zu selbstständigen Gemeinden zu machen. Bei der Abstimmung sagten die Bolliger mit 72 Prozent und die ­Ittiger mit 54 Prozent Ja. Die Ostermundiger dagegen sagten mit 61 Prozent Nein. Unter dem Strich ergab sich eine knappe Mehrheit für die Verselbstständigung.

Seither ist Ostermundigen auf sich allein gestellt – eine Gemeinde der Arbeiter, die im Schnitt deutlich weniger Steuern zahlen als die Hausbesitzer am Südhang von Bolligen und ­Ittigen. Der Ausländeranteil in Ostermundigen ist gut dreimal höher als in Bolligen, die Sozialhilfeausgaben pro Kopf sind sogar fünfmal höher.

Zwar hat auch Ittigen hohe Sozialausgaben, doch hier hat sich die Swisscom angesiedelt, die jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag an Steuern zahlt. Dieses Glück hatte Ostermundigen nicht. Oder provokativer formuliert: Im Prinzip hatte Ostermundigen keine Chance, als eigenständige Gemeinde zu überleben.

Der Ausweg könnte eine Fusion sein. Ittigen und Bolligen haben im Moment wohl kaum Interesse an einer Wieder­vereinigung mit Ostermundigen. Im links-grünen Bern dagegen dürfte die Idee eines Zusammenschlusses auf offene ­Ohren ­stossen; die Stadtberner Pensionskasse hat die Ostermundiger Gemeindeangestellten letztes Jahr jedenfalls bereitwillig aufgenommen. Die Mundiger Linke schwärmt: Eine Fusion mit Bern wäre der erste Schritt zu einer fusionierten Agglomeration, zu einer Grossstadt mit mehr Gewicht im Land. Und sogar Bürgerliche wären zufrieden, wenn dank einer Fusion der hohe Ostermundiger Steuerfuss sinken würde.

Eine Win-win­-Situation also. Oder auch nicht. Eine Studie der Universität St. Gallen besagt, dass Gemeindefusionen in der Regel keine finanziellen Vorteile bringen. Vielleicht wäre ein Stadtteil Ostermundigen für Bern also mehr Bremsklotz als Antrieb. Vielleicht gäbe es noch andere, fortschrittlichere Formen der Zusammenarbeit in der Agglomeration Bern. Vielleicht. Doch Mutmassungen bringen niemanden weiter. Deshalb ist es Zeit, ernsthaft über eine Fusion nachzudenken. Gespräche mit Bern aufzunehmen. Auch andere Möglichkeiten durchzurechnen. Abzuwägen. Und das Volk zu fragen.

Ob das Parlament am Donnerstag dem SP- oder dem FDP-Vorstoss zustimmt, ist nicht matchentscheidend. Wichtig ist, dass es überhaupt einem zustimmt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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