«Es gab nachweislich Prostitution und Vergewaltigungen»

Menschen auszustellen, hatte in der Schweiz Tradition»: Autorin Rea Brändle über die Völkerschauen, deren Ende – und die heutige Fortsetzung.

Michael Feller@mikefelloni

1834 besuchte «der wilde Ashantee» Bern. War dies die erste Völkerschau in der Stadt?Rea Brändle:Wohl kaum. Ich habe das «Intelligenzblatt für die Stadt Bern» ausgewertet. Diese Zeitung geht bis 1834 zurück. Doch wurden wohl schon früher einzelne Menschen auf der Messe ausgestellt. Das hatte in der Schweiz nachweislich Tradition, geworben wurde mit Handzetteln und sehr dünnen Affichen.

Im Basler Zoo wurden bis in die 1930er-Jahre Menschen ausgestellt. Gab es so was auch im Berner Tierpark? Das Gehege im Basler Zoo war nicht fix eingerichtet, sondern wurde jeweils installiert, wenn Völkerschauen gezeigt wurden. In Zürcher Zoo war es genauso. Für die Tierparks von Bern und St.Gallen sind mir keine Völkerschauen bekannt.

Welche Rolle spielte die Erotik? Gab es Proteste gegen nackte Tänzerinnen? Ein abstruses Thema. Die Sittenpolizei in den Schweizer Städten war damals sehr streng, was die Auftritte lose bekleideter Frauen in Cabarets und ähnlichen Etablissements betraf. Bei den Völkerschauen galten andere Massstäbe, mit der Begründung, es handele sich hier um ein wissenschaftliches Interesse. Nackte Brüste waren üblich, völlig nackte Tänzerinnen nicht – doch kam es nachweislich zu Prostitution und Vergewaltigungen. Von Protesten kann man nicht reden, es gab ein paar launige Karikaturen.

Haben auch Berner Wissenschaftler Afrikaner vermessen? Das nicht. Doch hat der Unidozent Mayer, ein Paläontologe, die «Buschmann-Hottentotten-Truppe» im Restaurant Bierhübeli beobachtet und sich vom «Intelligenzblatt» über seine Eindrücke befragen lassen. Er begrüsste es sehr, dass man bei uns durch Völkerschauen die Möglichkeit bekam, «fremde Völker aus eigener Anschauung kennen zu lernen, nicht nur in ihrer äusserlichen Erscheinung, sondern auch, soweit möglich, in ihrem Leben und Treiben». Wann wurde erstmals Kritik laut gegen Völkerschauen? Erste Missbilligung wurde schon 1882 bei der Präsentation der «Wilden von den Feuerlandinseln» geäussert. Beanstandet wurde die Enge im Ausstellungslokal. Solche punktuelle Kritik seitens einzelner Zeitungen gab es immer wieder – doch bei der nächsten Völkerschau war alles wieder vergessen. Von den politischen Instanzen kam keine Kritik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im Bierhübeli keine Menschenschauen mehr. Hatte man damals schon Skrupel? Das hatte andere Gründe. Der Circus Knie war jeweils ein halbes Jahr unterwegs. Da lohnte es sich, eine Truppe aus Afrika oder aus einem Indianerreservat zu engagieren. Für einen lokalen Veranstalter wie das Bierhübeli war so etwas nicht möglich.

1964 endeten die Völkerschauen. Verzichtete der Circus Knie wegen Protesten darauf? Nein. Der Zirkus fand keine Truppen mehr. Und auch das Publikumsinteresse liess zu wünschen übrig.

Waren Völkerschauen von A bis Z Tragödien? Oder gab es aus heutiger Sicht weniger verwerfliche Events? Es gab recht grosse Unterschiede. Das wird ein Thema meiner Veranstaltung sein.

Wenn wir heute in ferne Länder reisen, um dortige Kultur authentisch zu erleben: Ist das unsere heutige Völkerschau? Sofern Sie sich einbilden, es gäbe das sogenannt Echte, Authentische, Primitive zu sehen, hat dies grosse Ähnlichkeit mit Völkerschauen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt