Mettlers Comeback mit Brainstore

Er ist Ideengeber für grosse Firmen – und sucht auf Auftrag auch einmal einen Hundenamen: wie Markus Mettler von Biel aus mit seinem Brainstore die Welt erobert – und das nach dem Konkurs von 2011.

Markus Mettler ist Gründer von Brainstore. Er verkauft Ideen an 5-Jährige und Milliardenkonzerne. Und jeder zahlt dafür, so viel er will.

Markus Mettler ist Gründer von Brainstore. Er verkauft Ideen an 5-Jährige und Milliardenkonzerne. Und jeder zahlt dafür, so viel er will.

(Bild: Beat Mathys)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Warum sind Sie trotz einem abgebrochenen Studium ein erfolgreicher Unternehmer?
Beim BWL-Studium ist es so: Viele Studienabgänger könnten nicht einmal einen Glacestand am See managen. Weil ihnen der Praxisbezug fehlt. Für mich ist das Leben das beste Studium.

Wie funktioniert Brainstore?
Jemand kommt mit einer Herausforderung zu uns. Dann sind wir in einer Kundenbeziehung, in der es darum geht, gute Ideen zu entwickeln und sicherzustellen, dass diese auch umgesetzt werden.

Haben Sie ein Beispiel?
Es fängt bei ganz banalen Sachen an. Eine Familie hat einen Hund gekauft und kann sich nicht auf einen Namen einigen.

Das ist jetzt ein fiktives Beispiel, oder?
Nein, wir haben auch schon Hundenamen entwickelt. Man bringt die Leute zusammen und managt den Prozess, am liebsten mit der ganzen Familie und dem Hund und einigen Externen dabei. Nach zwei oder drei Stunden hat man einen Katalog mit mehreren Ideen, aus denen die Familie den Namen aussucht.

Ein teurer Hundename.
Der Kunde entscheidet, was ihm das Wert ist. Dieses Modell nennt sich Pay-What-You-Wish (bezahl, was du willst). Es gibt gewisse Voraussetzungen, dass das Modell funktioniert. Man muss zum Beispiel einen Ausblick auf eine längerfristige Zusammenarbeit haben. Als Bestatter würde ich es nicht machen, weil die Möglichkeit, dass der Kunde zurückkommt, sehr tief ist.

Bei einem Hundenamen ist die Aussicht, dass die Zusammenarbeit weitergeht, auch klein.
Das stimmt. Mit Privaten ist es aber in vielen Fällen so, dass die Zusammenarbeit auf einer anderen Ebene weitergehen kann, weil die Familie mit Hund vielleicht auch noch weitere Themen hat, die sie angehen kann. Oder Lust entsteht, auch beruflich die Ideenmaschine einzusetzen.

Welche Fähigkeiten braucht es, um einen Ideenladen zu betreiben?
Es braucht Neugierde, man muss Menschen mögen, man muss sich für unterschiedliche Themen interessieren können. Und Freude an präziser Sprache haben. In der Anfangsphase ist es wichtig, dass man die Sache auf den Punkt bringt. So, dass alle vom selben sprechen. Das gilt beim fünfjährigen Mädchen genauso wie bei der Führungskraft eines grossen Unternehmens.

Sie arbeiten mit fünfjährigen Mädchen?
Sie war vor ein paar Monaten bei uns zu Besuch. Sie wollte unbedingt Ideen für ein Traumkleid. Ich fand das interessant: Das Mädchen kann weder schreiben noch lesen. Es hat die Aufmerksamkeitsspanne von einem Topmanager, also maximal fünf Minuten. Wie managt man einen kreativen Prozess, damit sie am Schluss glücklich ist als Kundin? Also fing ich an, mit ihr darüber zu sprechen: Was ist für dich ein Traumkleid? Und sie erzählte: Das sei ein Kleid, das sie nachts anziehen könne und das dafür sorge, dass sie schöne Träume habe. Da kamen mir Beispiele in den Sinn, als Führungskräfte mir sagten, was sie suchten – und ich nicht nachfragte, was sie wirklich suchten. Und am Schluss redet man aneinander vorbei.

Hat sie ihr Kleid gefunden?
Ich glaube schon, sie hat einen Katalog gekriegt von fünf oder sechs verschiedenen Vorschlägen. Man arbeitet ja nie nur auf eine Idee hin. Man hat am Schluss immer einen Katalog.

Sie sind auch schon gescheitert. Brainstore ging 2011 in Konkurs.
Wir hatten bis 2008 ein starkes Wachstum, waren fast 80 Mitarbeitende in Biel. Und dann kam die Finanzkrise. Wir waren völlig unvorbereitet. Es war eine lange und schmerzhafte Zeit. Es war aber auch der Konkurs, der uns ermöglichte, die Komplexität zu reduzieren. Wir hatten vorher horrende Lohnkosten, zahlten etwa 450'000 Franken Miete pro Jahr.

Was haben Sie daraus gelernt?
Wir haben keine langfristigen Mietverträge und keine Arbeitsverträge mehr. Wir sind jetzt ein Netzwerk mit selbstständigen Partnern. Das hat dazu geführt, dass wir innerhalb des Netzwerks fast wieder die gleichen Kapazitäten haben wie 2008.

Sie sind Appenzeller. Was verschlug Sie nach Biel?
Ich habe in Genf studiert. Und da ist die Idee für den Brainstore gereift. Aber ich wusste, ein Ostschweizer würde niemals nach Genf kommen und umgekehrt. Nach dem Kartenstudium entschieden wir uns für Biel.

Warum?
Grundsätzlich kann ein Brainstore überall sein, wo es ein Multiplexkino hat. Man hat ein gewisses Einzugsgebiet, eine gewisse Kaufkraft, unterschiedliche Generationen. Ich persönlich finde Biel eine sehr inspirierende Stadt für diese Art von Tätigkeit. Es ist ein Zusammenzug von vielen Kulturen auf relativ kleinem Raum. Bei Brooklyn empfinde ich das sehr ähnlich.

Warum arbeiten Sie auch in Brooklyn?
Als meine Tochter Ella neun war, wollte sie mit mir ein Jahr nach New York. Kinder haben ja manchmal so komische Wünsche, die nach zwei, drei Wochen wieder verschwinden. Sie war aber eine gute Lobbyistin – und hat während Monaten immer wieder gefragt, wann wir jetzt gehen würden.

Und dann?
Sie wollte ja ohne meine Frau, ihren Bruder und den Hund gehen. Ein ungewöhnlicher Wunsch. Dann kam mir der Gedanke: Was ist denn das Schlimmste, was passieren kann, wenn wir jetzt nach New York gehen? Nach realistischen Einschätzungen ist es, dass wir nach drei Monaten todunglücklich sind und zurückgehen. Das war 2012, sehr kurzfristig vor den Sommerferien entschieden wir: Wir fahren. Ich musste versprechen, dass ich mit ihr Französisch büffle. Mit einem minimalen Budget sind wir in dieses Flugzeug gestiegen. Ich sagte, wenn uns das Geld ausgeht, müssen wir zurückkommen.

Wie viel Geld hatten Sie dabei?
Wir gingen mit einem Budget von 10'000 Dollar für das ganze Jahr. Nach etwa einem halben Jahr sind wir dann von Manhattan nach Brooklyn gezogen. Dort eröffnete ich meinen Ideenladen. Gegen Schluss lief es so gut, dass wir uns einen Moment lang überlegt haben zu bleiben.

Und?
Es war klar, dass wir die ganze Familiendynamik aufbrechen würden, wenn wir nicht zurückkehren würden. Und ausserdem sollte man immer dann gehen, wenn es am schönsten ist. Aber seit 2012 war ich jedes Jahr wieder drei, vier Mal in Brooklyn. Und pflegte die bestehenden Kunden weiter.

Sogar in Brooklyn funktioniert die Schweizer Idee.
Für mich ist das eben nicht ein Schweizer Thema. Eher ein Bieler Thema. Das Modell hat typische Bieler Eigenschaften an sich: zum Beispiel die Kombination von Präzision und Experimentierfreude. Da gibt es eine Parallele zur Uhrenindustrie.

Warum machen es nicht mehr Leute wie Sie? Fehlt der Mut?
Es braucht doch nicht Mut, nur Überwindung. Das ist, wie wenn ich eine Joghurtglace mit Cayenne-Pfeffer mache. Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Ich muss sie wegschmeissen. Im besten Fall aber erfinde ich ein tolles Produkt. Und Mut braucht es dann erst, wenn ich 10'000 Packungen davon herstelle.

Aber für die meisten ist es schon ein Scheitern, wenn die Glace nicht gut kommt.
Ja, ich weiss. Aber Scheitern gehört dazu. Von 100 Ideen funktionieren vielleicht 10. Das ist normal. Und wenn ich es nicht ausprobiere, kann ich es nicht wissen. Darum frage ich Firmen immer: Wie viel haben Sie im nächsten Jahr fürs Scheitern budgetiert?

Berner Zeitung

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