Es blieb auch Zeit für das Jungfrau-Panorama

Wichtrach

Selin Wüthrich hat mit dem Jungfrau-Marathon nicht nur ihr Saisonziel gemeistert, sondern auch ihre angepeilte Zeit um fast eine halbe Stunde unterboten. «Es war wunderschön», blickt sie begeistert zurück.

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Stephan Künzi

Selin Wüthrich hat es geschafft. Mit einem Strahlen im Gesicht fällt sie ihrem Verlobten Michael Jufer in die Arme. Das Bier, übrigens alkoholfrei, wie sie betont, «das beste isotonische Getränk», muss für einen Moment warten. 42,195 Streckenkilometer und 1829 Höhenmeter liegen hinter ihr, gemeistert hat sie sie ohne grössere Probleme.

Mal rennend, dann wieder nur joggend oder auch stramm wandernd – jetzt, es ist Samstag kurz nach halb zwei Uhr, steht sie im Ziel des Jungfrau-Marathons, vor sich die Kleine Scheidegg, hinter sich das eindrückliche Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau, über sich am tiefblauen Himmel die milde Herbstsonne.

«Ich bin ein Kind der Berge.»Selin Wüthrich

«Es war wunderschön», blickt die 28-jährige Bauleiterin und Architekturstudentin aus Wichtrach auf die letzten gut 5 Stunden zurück. Besonders gefallen habe es ihr auf der Moräne gegen den Schuss des Rennens hin. Dass sie es mit dem Wetter kaum besser hätte treffen können, macht die Sache nur noch besser. «Die Sicht auf all die Gipfel – einmalig», schwärmt sie. Und fügt nach kurzem Innehalten an: «Ich bin ein Kind der Berge.»

Aus der Krise gefunden

Auch am frühen Samstagvormittag beim Start am Grand Hotel ­Victoria Jungfrau in Interlaken strahlt ­Selin Wüthrich. Nach intensiver Vorbereitung – «in den letzten zwei Monaten erlaubte mir der Trainingsplan gerade mal zwei freie Tage, das brachte mich an Grenzen» – geht es endlich los.

Im Pulk der weit über 4000 Läuferinnen und Läufern macht sie sich auf den Weg, und als sie nach den ersten Metern unter den Zuschauern die vertrauten Gesichter ihrer Familie ausmacht, setzt sie ihr breites Lachen auf.

Von der Anspannung, die ihr mit Blick auf den Saisonhöhepunkt mal mehr, mal weniger zu schaffen macht, redet sie an diesem Morgen zwar auch. «Die Freude überwiegt aber klar», betont sie immer wieder.

Um sich später oben im Ziel doch einzugestehen: Der Druck sei nicht zu unterschätzen gewesen. Zumal sie dieses Jahr ja nicht für sich allein laufe, sondern von der Zeitung begleitet sei und damit in der Öffentlichkeit stehe – «umso schöner, dass ich den Marathon auch mental gemeistert habe».

Was nicht heisst, dass es während des Marathons ganz ohne Tiefschläge gegangen wäre. Etwa in der Hälfte bei Kilometer 20 in Lauterbrunnen habe sie eine Krise erlebt, erzählt Selin Wüthrich. Unvermittelt sei sie von eigentlich Langsameren überholt worden, gleichzeitig hätten die Knie und den Rücken zu schmerzen begonnen – «ich fand mich bereits damit ab, sie ziehen lassen zu müssen und halt länger unterwegs zu sein, als ich mir vorgenommen hatte.»

Doch dann folgte der Aufstieg nach Wengen, «meine Stärke». In den Serpentinen verschwanden nicht nur die Schmerzen, ihr gelang es auch, Läuferin um Läufer zu überholen und sich so in der Rangliste stetig vorzuarbeiten.

Zu spüren bekam das auch Vater Urs Wüthrich, der wie Michael Jufer zum familiären Begleittrupp gehört. Er wollte ihr bei ­Kilometer 35 in Wengen vom Strassenrand her eine Stärkung reichen. Doch er blieb in all den Leuten, die im Zug hochfahren wollten, stecken und kam erst an, als sie die Stelle passiert hatte.

Fast eine halbe Stunde früher

Trotz ihrer Krise konnte sich ­Selin Wüthrich am Ende doch wieder Stück für Stück vorarbeiten. Am Schluss landet sie auf Rang 80 (von 234) in ihrer Kategorie und auf Rang 260 (von 1035) im Gesamtklassement aller Frauen. Mit 5 Stunden, 6 Minuten und 4 Sekunden hat sie die angepeilten 5 Stunden und 30 Minuten gar um fast eine halbe Stunde unterboten.

Was vom Marathon bleiben wird? Nicht nur die Erinnerung an einen Marathon, wie er für sie nicht besser hätte laufen können. Und auch nicht nur die Idee, sich nun an etwas Neues, einen Triathlon zu wagen. Während ihrer Vorbereitungen passierte nämlich noch etwas ganz anderes.

Um sich mit der Gegend vertraut zu machen, erkundete Selin Wüth­rich in einem ihrer vielen Trainings gemeinsam mit Michael Jufer den Aufstieg von Lauterbrunnen nach Wengen. Oben angekommen, machte er ihr den Heiratsantrag – aus dem Freund und Partner war flugs der Verlobte geworden.

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Berner Zeitung

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