Erst die Bahn, dann das Dorf

Konolfingen

Der Bau der Eisenbahn vor genau 150 Jahren legte die Basis für die Gemeinde Konolfingen: Das Dorf entwickelte sich rund um den neuen Verkehrsknotenpunkt.

Im Eisenbahnfieber: Co-Leiter Werner Weber (rechts) mit Willi Blaser (Mitte) und Res Maurer vom Museumsteam.

Im Eisenbahnfieber: Co-Leiter Werner Weber (rechts) mit Willi Blaser (Mitte) und Res Maurer vom Museumsteam.

(Bild: Walter Pfäffli)

Stephan Künzi

Ohne die Eisenbahn wäre Konolfingen nicht, was es heute ist. Ende Mai 1864 fuhr der erste offizielle Zug in den Bahnhof, der leicht erhöht über dem Konolfinger Moos erbaut worden war. Damals gab es an der nahen Strassenkreuzung noch kaum Häuser. Auch eine Gemeinde mit Namen Konolfingen suchte man auf der Karte vergebens. Im Süden lag Stalden, im Norden Gysenstein, und irgendwo dazwischen, mitten im Niemandsland eben, machten nun regelmässig die Züge halt.

Genau 150 Jahre sind seither vergangen, aus dem Niemandsland ist längst ein Dorf, aus Stalden und Gysenstein längst die Gemeinde Konolfingen mit ihren 5000 Einwohnern geworden – Grund genug, Rückschau zu halten. Das Museum alter Bären tut dies mit einer Jubiläumsausstellung, die den Ereignissen von damals und ihren Auswirkungen nachspürt.

Bestochen oder nicht?

Bei einem Gang durch die Museumsräume wird rasch klar, dass der Bahnhof nicht von Anfang an am heutigen Ort geplant war. Pläne zeigen nämlich, dass man ihn zuerst ein Stück weiter gegen Bern zu beim Weiler Ursellen bauen wollte. Auch das Gleis hätte hier, wie eine ausradierte Linie vermuten lässt, einen anderen Verlauf nehmen sollen. Mit Folgen für die vor Konolfingen liegende Station Tägertschi: Sie wäre dann auf Gysensteiner Boden gebaut worden – und hätte wohl auch Gysenstein geheissen.

Noch heute wird erzählt, die Behörden von Tägertschi hätten die Bahnbauer mit einem Nachtessen bestochen und so die Verlegung der Station erwirkt. Wahrscheinlicher ist indes eine andere Erklärung, wie sie letztlich wohl auch für die Wahl des Standorts für den Bahnhof Konolfingen gilt: Der Untergrund war für einen solchen Bau schlicht besser.

Richtig los ging es in der Gegend um Bahnhof und Strassenkreuzung allerdings erst ein paar Jahre später. Verantwortlich dafür war 1899 der Bau der Burgdorf-Thun-Bahn, die Konolfingen zum Verkehrsknotenpunkt machte.

Mit Blick auf dieses Projekt hatte sich schon sieben Jahre zuvor neben dem Bahnhof die Berneralpen-Milchgesellschaft angesiedelt. Auch dieser Industriebetrieb gab dem werdenden Dorf wichtige Impulse.

Nacheinander entstanden die Kirche und die Häuser im heutigen Dorfkern, ein schönes, nicht sehr häufiges Jugendstilensemble, wie Werner Weber mit leichtem Bedauern sagt. Weber, der das Museum gemeinsam mit Gertrud Scherer leitet, fügt zur Erklärung bei: In den 1930er- und 1940er-Jahren seien viele Häuser nach dem damaligen Zeitgeist umgebaut worden. Im Besonderen gelte dies für die Kirche, von deren ursprünglicher Gestalt wenig bis nichts mehr übrig geblieben sei.

Landpreise explodierten

Schon 1864 hatte die Strasse nach Grosshöchstetten beim damaligen Bahnübergang mit einer leichten Kurve ums neue Bahnhofgebäude herum geführt werden müssen. Nun, da mit der Burgdorf-Thun-Bahn der Zugverkehr massiv zunahm, verlangten die Behörden an dieser Stelle eine Unterführung. Dafür musste die Strasse ein zweites Mal verlegt werden, auf Land, das die betroffene Berneralpen-Milchgesellschaft nicht einfach so hergeben wollte. Der folgende Streit zeigt, wie attraktiv das Dorf geworden war: Statt der einst üblichen 4 bis 11 Franken verlangte das Unternehmen für den Quadratmeter 40 Franken.

Noch immer gab es aber die Gemeindegrenze zwischen Gysenstein und Stalden. Sie zerschnitt das Gelände der Berneralpen-Milchgesellschaft genauso wie das Bahnhofareal und wurde immer mehr als Hindernis wahrgenommen. Die beiden Gemeinden rauften sich deshalb zusammen – und fusionierten auf Anfang 1933.

Rund 50 Jahre später erlebte der Bahnhof seine letzte grosse Veränderung. Die alten Gebäude, die zum Teil noch von 1864 stammten, wurden von 1982 bis 1985 abgerissen und durch einen modernen Bau ersetzt. Heute, 30 Jahre später, soll die Anlage wieder einen Sprung nach vorne machen: Rund 35 Millionen Franken fliessen in den nächsten Jahren in bessere Zugänge zu den Gleisen und in ein neues Perron.

Berner Zeitung

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