Erich Hess. Ein Erklärungsversuch.

Bern

Er ist der uneitelste Politiker des Landes. Er kämpft gegen alle Arroganz der Etablierten. Erich Hess, der Weitrechtsaussen in der vielleicht linksten Stadt der Schweiz, erklärt anhand von fünf seiner Zitate.

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Adrian Zurbriggen@hollerazu

«Ich bin überwältigend, äh, überwältigt.» Nur ein paar Sekunden braucht Erich Hess an diesem Sonntagabend in der Rathaushalle – und die Welt ist um einen Erich-Hess-Moment reicher. Soeben frisch in den Nationalrat gewählt, liefert der SVP-Mann auf die erste Frage der um ihn versammelten Reporter einen dieser Augenblicke zwischen akutem Fremdschämen, spöttischer Belustigung und bewunderndem Staunen.

Staunen über die politische Karriere des Erich Hess, geboren am 25.März 1981, Absolvent der Primarschule Lauperswil, Lastwagenfahrer bei der Affolter Transporte AG in Bundkofen. Staunen über die vermeintliche Leichtigkeit, mit der dieser Hess die Sprossen einer politischen Karriere hochkraxelt, die langjährigen verdienten Politikern trotz dem Einsatz von viel Zeit und Geld verwehrt bleibt.

«Ich habe noch keine Provokation bereut.» Ob er Asylbewerber mit Ameisen vergleicht oder eine Budgetdebatte in der Stadt Bern mit einer siebenstündigen Flut von Anträgen und ausufernden Grundsatzvoten torpediert – bei Erich Hess ist so ziemlich alles Plan. Und wenn nicht, kann er sich auf seinen Instinkt verlassen.

«Ich weiss bei jedem Thema haargenau, wie die Fronten verlaufen», sagte er 2010 in einem vielsagenden Interview mit dieser Zeitung:?«Wenn die Bürgerlichen die Chance auf eine Mehrheit haben, argumentiere ich zurückhaltender. Wenn aber bereits alles verloren ist, drücke ich auf die Tube.»

Als Weitrechtsaussen in der vielleicht linksten Stadt der Schweiz steht Erich Hess fast immer auf verlorenem Posten. Hess drückt also oft auf die Tube. Dass er das kann, ist bekannt. Dass er auch konstruktiv kann, geht gerne vergessen. Die Sicherheitsnetze an den Stadtberner Brücken etwa gehen auf eine Motion von Hess zurück. Gegen den Willen des Gemeinderats folgte der Stadtrat Hess mit grossem Mehr.

«Ich habe ein dickes Fell.» 2012 hatte die ZDF-Satiresendung «Heute-Show» Hess vorgeführt. Jeder andere hätte sich in Grund und Boden geschämt. Während eines vermeintlichen Interviews zum Thema Steuerstreit zerlegte der Reporter seinen Kugelschreiber und bohrte sich mit der Mine in der Nase.

Später ging er mitten in Hess’ Ausführungen auf die Toilette eine Zigarette rauchen. Hess zögerte in seinem hölzern hochdeutschen Redeschwall nur kurz – und redete weiter. Wo eine Bühne ist, ist für Erich Hess auch ein Weg.

«Hauptsache, die Leute hatten etwas zu lachen», kommentierte Erich Hess im «Tages-Anzeiger» seinen ZDF-Auftritt lapidar. Den Spottsong über Hess, mit dem Müslüm seine Musikkarriere lancierte, quittierte der Besungene offenherzig mit einem Lob auf den guten Rhythmus.

Hess ist der wohl uneitelste Politiker dieses Landes. Wenn es der Sache, seiner Sache, dient, dann macht er sich halt lächerlich vor der Intelligenzia des deutschsprachigen Raums.

Denn sein Publikum ist ein anderes. Und bei diesem kommt seine Botschaft auch so an: Er kämpft gegen alle Widerwärtigkeiten, gegen alle Arroganz der Etablierten, Grossen und Mächtigen. Dass diese den eher klein gewachsenen, ewig bubenhaften Langzeit-Jungparteiler nicht ganz für voll nehmen, ihn gerne unterschätzen – auch das ist Teil von Hess’ Erfolgsrezept.

«Ich laufe nach dem Motto: Einstecken und weitermachen.» Im Berner Stadtrat wird Erich Hess auch mal ausgebuht. Ausgelacht. Im Grossen Rat bisweilen ignoriert. Auf der Strasse angepöbelt. Er steckt alles weg.

Auch veritable Skandale wie 2009, als er mit zu viel Alkohol im Blut Thomas Fuchs’ Offroader schrottreif fuhr. Oder wie 2012, als diese Zeitung publik machte, dass für seine Einbürgerungsinitiative bezahlte Sammler Unterschriften gefälscht hatten. Was Hess’ Waterloo hätte werden können, wurde sein Triumph: Praktisch im Alleingang stemmte er die Initiative zum Erfolg. Knapp 56 Prozent der Abstimmenden folgten ihm.

«Ich habe Bern ins Herz geschlossen. Hier müsste man nur noch die linke Regierung und das Parlament auswechseln.» Als von Thomas Fuchs importierter Listenfüller verlegte Erich Hess 2004 seine Schriften für die Stadtratswahlen von Jegenstorf nach Bern. Längst ist er in Bern heimisch geworden.

Und doch fremdelt der umgängliche Hess mit dieser linksgrünen Stadt, mit ihrer Verkehrspolitik, mit ihrer Reitschule – kurz: mit vielem, was Bern für Berner eben zu Bern macht. Für die andern, die wie Hess mit Bern fremdeln, ist er da. Für sie kämpft er, für sie trickst er. Weil die Stadtberner seine städtische Reitschulinitiative in hohem Bogen verworfen haben, legt er nun auf kantonaler Ebene mit einer demokratiepolitisch fragwürdigen Initiative nach.

Nachlegen will Erich Hess auch 2016. Da stehen städtische Wahlen an. Seine Ambitionen für ein Gemeinderatsamt hat er bereits angemeldet. Da aus dem bürgerlichen Lager kaum jemand gegen die designierte SP-Stadtpräsidentin Ursula Wyss auf verlorenem Posten stehen mag, ist nicht ausgeschlossen, dass sich Erich Hess auch in diese grosse Bresche wirft.

Jemand muss es ja tun.

Alle Zitate von Erich Hess stammen, wo nicht anders angemerkt, aus einem Interview mit dieser Zeitung vom 4. September 2010.

Berner Zeitung

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