«Er weiss, wer seine Frau umgebracht hat»

Peter Beutler hat den noch immer ungelösten Mord von Kehrsatz an C. Z. in einem Krimi verarbeitet. Für ihn steht fest, dass der Ehemann des Opfers, B. Z., mindestens die Wahrheit kennt. Im Roman stellt er eine eigene These auf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenige Minuten sind vergangen im Gespräch mit Peter Beutler, dann öffnet er seinen Rucksack und wühlt darin. Schliesslich ­findet er, was er gesucht hat. Er schiebt einen kleinen Zettel über den Holztisch im Berner Aarbergerhof. Das Papier ist beidseitig mit blassem Bleistift beschrieben. «Da sind sie», sagt Beutler. Auf der einen Seite stehen Adresse und Telefonnummer von B. Z. Auf der anderen Seite die Koordinaten von dessen Freundin.

Für Beutler ist der Zettel ein Beleg dafür, wie gründlich er den Gegenstand seines neuesten Krimis untersucht hat. In «Kehrsatz» rollt er den Mord an C. Z. im Sommer 1985 auf. Im realen Krimi wie auch im Roman spielt ihr Ehemann B. Z. die Hauptrolle. Nur trägt er im Buch einen anderen Namen: Micha Witschi.

Ein mysteriöser Fall

Der Mord von Kehrsatz ist auch 31 Jahre nach der Tat noch immer ein Rätsel. Bis heute ist die Frage ungeklärt, wer die junge Frau mit einem Schlag gegen den Kopf ­umgebracht hat. B. Z. wurde zunächst verurteilt, später aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

War er es doch? Und wenn nicht, wer sonst? Der Fall sorgt bis heute für Spekulationen – die Beutler jetzt mit einer neuen These anheizt. Im Roman begeht eine Drittperson den Mord an Julia Witschi – und Micha Witschi weiss Bescheid darüber.

«Was wirklich geschehen ist, weiss ich nicht», sagt Autor Beutler. Aber es gebe wenigstens ein paar Gewissheiten. Sicher sei, dass bei den Ermittlungen gravierende Fehler gemacht worden seien. Sicher sei, mit welchem Gegenstand C. Z. umgebracht worden sei. Und sicher sei damit auch, dass ihre Eltern nicht als Täter infrage kämen.

Wichtige Erkenntnisse

Besonders die Erkenntnisse über das mutmassliche Tatwerkzeug, welche Fachleute Jahre nach der Tag gewannen, spielen für Beutler eine entscheidende Rolle. Nach dem Freispruch für B. Z. 1993 war es den Anwältinnen Trix Ebeling Stanek und Beatrice Gukelberger gelungen, den VW Golf ausfindig zu machen, der zur Tatzeit B. Z. gehörte. Sie stellten fest, dass sich im Auto nicht mehr der originale Radmutterschlüssel befand. «Das Werkzeug musste also von einem früheren Besitzer ausgetauscht worden sein», sagt Beutler. Von B. Z., der die Tatwaffe entsorgen wollte?

Später entwickelte der Berner Gerichtsmediziner Michael Thali eine computergestützte Methode namens Virtopsy, mit der aufgrund des Verletzungsbilds nach einem Schlag auf die Tatwaffe geschlossen werden kann. «Thali kam zum Schluss, dass die Kopfverletzung von C. Z. durch den originalen Radmutterschlüssel eines VW Golfs verursacht wurde.» Diese Erkenntnisse seien in der Öffentlichkeit zu wenig gewürdigt worden, sagt Beutler. Er nimmt sie in seinem Roman auf.

Fakten und Fiktion

Beutler ist 74-jährig, Chemiker und ehemaliger Gymnasiallehrer. Er wohnt mit seiner Frau in Beatenberg, wo er auch als Gemeinderat der SP tätig ist. Schon zum siebten Mal nimmt er sich einen realen Kriminalfall als Vorlage für einen Roman. In «Weissenau» etwa thematisierte er den «Bödeli-Mord». 2011 wurde das Mitglied einer rechtsextremen Gruppe von Kollegen ermordet und im Thunersee versenkt.

In «Berner Münstersturz» verarbeitete er die Geschichte von Brigadier Jean-Louis Jeanmaire, der 1977 wegen Landesverrat verurteilt wurde. Auch das Buch «Meier 19» über den Zürcher Polizisten und Whistleblower Kurt Meier, das nächstes Jahr erscheint, orientiert sich an tatsächlichen Ereignissen.

Die Frauen von B. Z.

Beutler hält sich jeweils eng an die gesicherten Fakten und bastelt rund um sie eine fiktive Geschichte. «Nicht alles ist erfunden», schreibt er im Nachwort zu «Kehrsatz». Das gilt nicht nur für die Rahmenhandlung. Viele der Protagonisten sind realen Personen nachempfunden, darunter Richter, Anwälte, Journalisten – sowie eine Reihe von Menschen, die laut Beutler im richtigen ­Leben eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden: die Frauen, Freundinnen und Geliebten der Hauptperson.

«Ich habe eine ganze Liste mit Namen von Freundinnen und ­Geliebten zusammengetragen», erzählt Beutler. Viele von ihnen habe er auch getroffen. Was auffallend sei: Zuerst hätten sie sich immer an B. Z. gehängt und ihm ein Tötungsdelikt nie zugetraut. «Als dann später die Beziehung zerbrach, waren sie überzeugt, dass er ein Mörder ist.»

Im Affekt oder gar nicht

Peter Beutler hat für die Recherche mit vielen Personen gesprochen, auch mit Brüdern von B. Z. «Ich hätte auch ein Sachbuch schreiben können», sagt er, «vielleicht hole ich das einmal nach». Was denkt er über den Mord? «Möglicherweise ist B. Z. der Täter – aber dann hat er den Mord im Affekt begangen.» Keine seiner Geliebten schildere ihn als gewalttätig. Hätte er die Tat jedoch geplant, hätte er das Opfer sicher verschwinden lassen und zum Beispiel im Murtensee ertränkt. «Das wäre leicht gewesen, sie konnte ja nicht einmal ­schwimmen.»

Allerdings beeindrucke ihn die Hartnäckigkeit von B. Z. doch sehr. Deshalb ist für ihn wahrscheinlicher, dass er nicht selbst der Täter ist. «Ich glaube aber, dass er weiss, wer seine Frau umgebracht hat.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.09.2016, 09:02 Uhr

Der Mord

Am 1.August 1985 machte das Ehepaar E. im Haus ihrer 24- jährigen Tochter C.Z. in Kehrsatz eine grausige Entdeckung. In der Tiefkühltruhe entdeckten sie die Leiche ihrer Tochter zwischen Kühlbeuteln liegen, den Kopf in einen Kehrichtsack geschnürt.

Am gleichen Abend wurde der Ehemann des Opfers, der 27-jährige B.Z., festgenommen. Die Polizei hatte ihn an der Gartenparty bei der Familie seiner damaligen Freundin aufgespürt. Er galt rasch als der Hauptverdächtige. Zwei Jahre später kam es in Bern zum Prozess gegen B.Z. Am 4.Dezember 1987 wurde er zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Doch vier Geschworene legten bei der Aufsichtsinstanz Beschwerde ein. Zudem rollte der Journalist Hans­peter Born den Fall für die «Weltwoche» und für das Buch «Mord in Kehrsatz» auf. Er erachtete B.Z. als unschuldig. In einem zweiten Buch «Unfall in Kehrsatz» bezichtigte er die Eltern von C.Z. der Tat. Das Buch wurde kurz nach dem Erscheinen verboten.

Am 15.April 1991 hob der Berner Kassationshof das Urteil gegen B.Z. auf. Zwei Tage später kam er frei. Am 14.April 1993 begann in Bern der Revisionsprozess. Im Gegensatz zum ersten Prozess war das Interesse von Medien und Öffentlichkeit riesig. 76 Zeugen wurden befragt. An Pfingsten 1993 wurde B.Z. aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Er erhielt eine hohe Entschädigung zugesprochen. rei

Das Buch

Peter Beutler: «Kehrsatz», 336 Seiten, Emons-Verlag 2016. Erscheint am 22. September.

Artikel zum Thema

20 Jahre Gefängnis für Mord an Freundin

Bern Auf offener Strasse, an einer Bushaltestelle in Bern tötete er vor zwei Jahren seine Partnerin. Nun muss der Täter für 20 Jahre ins Gefängnis. Mehr...

Mord an der Bushaltestelle wird Fall fürs Obergericht

20 Jahre Gefängnis sollte der Spanier kriegen, der im Juli 2013 seine Freundin an einer Bushaltestelle in Bern mit einem Messer ermordete. Er zieht das Urteil weiter. Mehr...

Callgirl-Mord: «Lichtschimmer» spricht gegen Verwahrung

Langenthal Zwanzig Jahre muss der Escort-Mörder für seine grausige Tat hinter Gitter. Weil das Obergericht an die Entwicklung des 29-jährigen Langenthalers im Rahmen einer Therapie glaubt, wird er nicht verwahrt. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Foodblog Meine erste Wurst

Die neuen Nachbarn

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...