Er krempelt den Hof des Vaters um

Kallnach

Urs Marti übernimmt den Hof seines Vaters. Doch auf dem Hübeli bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Der 33-Jährige stellt auf Bio um, experimentiert mit Kulturen und ermöglicht Nutztieren einen würdigen Lebensabend.

Bauer Urs Marti mit Stier Luca, der weiterhin in der zukünftigen Tierarche von Kallnach leben wird.

Bauer Urs Marti mit Stier Luca, der weiterhin in der zukünftigen Tierarche von Kallnach leben wird.

(Bild: Raphael Moser)

Simone Lippuner

Der Nebel sei weniger geworden in den letzten Jahren, sagt Urs Marti und lässt seinen Blick über das Seeland in die Ferne schweifen. Der Jungbauer sieht klar. Gegenüber seinem Hof in Kallnach scheint der Chasseral zum Greifen nah – ebenfalls eine vielversprechende Zukunft.

Lange war diese unklar. Der 33-jährige Marti haderte mit einer Entscheidung. Bis er vor vier Jahren wusste: Es ist ein Privileg, den elterlichen Hof zu übernehmen. «Zu säen, zu pflegen und zu ernten», wie er sagt. Einen neuen Lebensraum zu gestalten. Mit Betonung auf «neu». Denn den Hof in gleicher Manier weiterzuführen, kam für Urs Marti nicht infrage.

Von der Schule in den Stall

Sein Ziel ist, auf möglichst nachhaltige Art und Weise gesunde Nahrungsmittel anzubauen. Bio statt Pestizide. Polenta- statt Futtermais. Pensions- statt Milchkühe. Kurz: «Entgegen dem forcierten Strukturwandel versuchen wir eine bäuerliche Landwirtschaft zu leben, die nicht auf Kosten der Natur, der Tiere oder der Angestellten wirtschaftet», erklärt Marti. Mit dieser Vision begann der studierte Lehrer sein Leben umzukrempeln und holte berufsbegleitend die landwirtschaftliche Ausbildung nach.

«Ich war lange eher der Geisteswissenschaftler, mir hätte der Beruf des Bauern vor einigen Jahren wohl noch komplett abgelöscht», sagt er. Doch dann begann er zu lesen, politische und philosophische Literatur zur Landwirtschaft, es nahm ihm den Ärmel rein. «Plötzlich habe ich begriffen, wie hochpolitisch die Landwirtschaft ist.» Es sei für ihn zur Herausforderung geworden, nachhaltig zu bauern.

Das Hübeli, so der Name des Marti-Gutes, steht bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts auf einer Erhöhung in Kallnach. Wohl selten hat es eine ähnlich grosse Veränderung erlebt wie jene, die nun unter der Ägide von Junior Marti ansteht.

Umstellen auf Bio

Nebst grossflächigen Kulturen wie etwa Brotweizen baut der Seeländer auch kleinflächig Lebensmittel für die Selbstversorgung und die Direktvermarktung an. So wachsen auf den 28 Hektaren seit kurzem auch Kulturen wie Linsen, Buchweizen oder Polentamais. «Ich experimentiere gern», sagt Marti. In zwei Jahren wird der gesamte Anbau auf Bio umgestellt sein. «Das eröffnet dann auch mehr Absatzkanäle.»

Kaum Gewinn bringen werden künftig die Tiere auf dem Marti-Hof. Auf der Tierarche, wie Marti den Ort nennt, dürfen Kuh, Schaf und Co. einfach nur sein. Aktuell bietet die Arche 8 Personen, 3 Schafen, 3 Pferden, 2 Hunden sowie rund 25 Kühen einen Raum zum Leben. Gemolken wird noch bis zum Frühling. Danach sollen Stall und Weide mit weiteren Pensionskühen sowie ehema­ligen Milchkühen neu belebt ­werden. Paten, welche für den monatlichen Unterhalt von letzteren aufkommen, sollen das Unterfangen vereinfachen.

Die Hofübernahme findet im Januar 2019 statt. Nächstes Jahr wird der Vater noch als Betriebsleiter fungieren – und somit durch das erste Jahr der Umstellung auf Bio führen. «Nachdem er zuerst ziemlich perplex reagiert hat, ist er meinen Plänen gegenüber mittlerweile aufgeschlossen», sagt Urs Marti.

Die neue Philosophie eines jungen Denkers, eines Tierfreundes und Naturschützers sorgt im Dorf für Gesprächsstoff. Auch musste sich der Vater am Stammtisch schon dumme Sprüche anhören. Sowieso hatte niemand mehr daran geglaubt, dass der Junior den Hof doch noch übernehmen würde. «Als Quereinsteiger werde ich mich sicherlich beweisen müssen», sagt Urs Marti. Dieser Hintergrund vermag seinen klaren Blick nach vorne jedoch in keiner Weise zu trüben.

Polenta-Ernte Am Samstag, 21. Oktober, findet auf dem Hübeli ab 14 Uhr die Polenta-Ernte statt. Infos: www.huebeli-kallnach.ch

Berner Zeitung

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