Entblössung im Rollstuhl

Ein Tanztrio im Rollstuhl zwingt in Bern das Publikum, Hemmungen zu überwinden und hinzuschauen.

Tänzer Adil Embaby beweist: Auch ohne Beine kann man tanzen. Foto: PD

Tänzer Adil Embaby beweist: Auch ohne Beine kann man tanzen. Foto: PD

Sabine Gfeller

Menschen ohne Behinderung wissen im Alltag oftmals nicht, wo sie hinsehen sollen, wenn sie einer Person mit Behinderung begegnen. Viele schauen weg. Aus Angst zu starren. Bei einer Performance können die Akteure den Blick gezielt lenken.

Das tun eine Tänzerin und zwei Tänzer im Rollstuhl selbstbewusstin «Every Body Electric (small)» von der österreichischen Choreografin Doris Uhlich, die für ihr Schaffen bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Ihre Performance passt bestens ins Programm von Tanz in Bern, dessen diesjähriges Motto «Einzigartig» ist.

Keine Beine, starke Arme

Als Erster geniesst Adil Embaby das Rampenlicht. Noch ist kein Ton zu hören, nur die Schulter von Embaby bewegt sich vor und zurück. Er hat einen festen Blick und starke Arme, wie sich noch zeigen wird. Die Beine fehlen. Nach ein paar Minuten ertönt elektrisierende Musik. Mittlerweile sind auch die anderen beiden Schauspieler auf die Bühne gerollt. Vera Rosner-Nógel schüttelt ihre muskelschwachen Beine, begleitet von einem selbst­bewussten Lächeln.

Thomas Richter bewegt das Becken, sodass sein Bauch auf und ab wippt. Plötzlich klettert die Tänzerin aus dem Rollstuhl, verlagert das Gewicht auf allen vieren und beginnt zu twerken – kreist also rhythmisch mit Hüften und Hinterteil. Die Tribüne umgibt die Bühne in U-Form. Die Tänzerin und die Tänzer zeigen ihre Bewegungen jeweils in alle drei Richtungen.

Die Ränge sind schwach beleuchtet, sodass das Trio die Reaktionen sehen und Augen­­kontakt aufnehmen kann. Dann stockt kurz der Atem: Eine Eisenkette wird heruntergelassen, und Adil Embaby befestigt seinen Rollstuhl daran. Dieser hebt ab in die Höhe, Embaby steht auf seinem Gesäss. Sein fester Blick fixiert das Publikum. Er bewegt sich nun mit seinen kräftigen Armen von einer Position zur nächsten.

Die beiden Tänzer ziehen ihre T-Shirts aus, die Tänzerin entkleidet sich gänzlich. Die kastanienbraunen Haare, die sich über ihre entblösste Brust locken, erinnern an die berühmte «Titanic»-Szene, als Kate Winslet für Leonardo di Caprio Akt steht.

Adil Embaby hat mittlerweile auch die Hose abgelegt. Zwei grosse, dünne Narben sind auf beiden Hüftgelenken zu sehen. Die totale Entblössung. Doch statt verletzlich wirkt Embaby stark und gelassen. Auch als er sich auf den Boden legt, den Kopf zur Diele gerichtet, und die losgelösten Räder des Rollstuhls beim Beinansatz drehen.

Diese Tanzaufführung forderte das Publikum auf, Hemmungen abzulegen und den Blick dort verweilen zu lassen, wo man es sonst nicht wagt. Ausserdem ist der Vorstellung das gelungen, was zeitgenössischer Tanz anstrebt: zum Denken anzuregen.

Tanz in Bern: bis 10.11., Dampfzentrale Bern.

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