Engel halten Erinnerungen wach

Spiegel

Seine Frau liebte die Engel, er liebte seine Frau: Der Künstler Ronald Kocher hat seine Trauer mit einem Grabmal verarbeitet. Ruth Kocher starb vor einem Jahr.

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Stephan Künzi

«Mein schlafender Engel», steht auf dem Bild, und besser liesse sich seine Botschaft kaum umreissen. Ein Jahr ist es her, seit Ronald Kocher zu Hause im Spiegel zu Stift und Pinsel griff und seine Gefühle zu Papier brachte. Eben hatte er den Moment erlebt, den er so gefürchtet hatte: Nach einer langen Zeit mit gesundheitlichen Höhen und Tiefen, aber letztlich doch überraschend, war seine Frau Ruth gestorben. «Es geschah innert Sekunden in meinen Armen.»

Kocher bestand an diesem denkwürdigen Abend darauf, seine Frau noch eine Nacht lang im vertrauten Umfeld behalten zu dürfen. «Ich habe sie berührt, mit ihr geredet, sie lag so friedlich da», erinnert er sich. Morgens um fünf Uhr verspürte er den Drang, den Moment für sich festzuhalten. Dass er dies malend tun würde, war für ihn als weitherum bekannten Kunstmaler keine Frage – «die Nacht gehörte zu den schönsten meines Lebens», stellt er heute im Rückblick fest.

Letztes Werk im Webstuhl

Nicht nur Ronald Kocher, auch seine Frau Ruth war der Kunst zugetan. Kennen gelernt hatten sich die beiden in den 1960er-Jahren in Bern bei der Wander AG, wo er erst als Magaziner angestellt war und später Malkurse für die Angestellten gab, die so wichtig für seine eigene Malschule wurden. Sie arbeitete in der Firma als Sekretärin und interessierte sich für das neue Freizeitangebot – «sie war eine meiner ersten Schülerinnen», erinnert sich der heute 86-Jährige.

In der Folge spannten die beiden nicht nur privat, sondern auch künstlerisch zusammen. Sie gründeten eine Genossenschaft, die Künstler und Kunstfreunde im ganzen Land vereinte, sie organisierten Ausstellungen, sie brachten ihren Nachlass in eine Stiftung ein, die Kunstschaffende unterstützt. In den späteren Jahren wurde ihr die Arbeit am Webstuhl immer wichtiger – Kocher führt ins Zimmer, das noch aussieht, wie wenn seine Frau gerade erst mit Arbeiten aufgehört hätte. Im hölzernen Rahmen ist das letzte Werk nach wie vor eingespannt, daneben warten auf einem Tisch Fadenknäuel darauf, verarbeitet zu werden.

Kocher kramt weiter in seinen Erinnerungen, redet jetzt vom Engel, der seiner Frau etwa zehn Jahre vor dem Tod erschienen ist. Genaueres habe sie ihm nie erzählt, sehr prägend müsse das Erlebnis aber gewesen sein: «Von diesem Moment an hat sie sich künstlerisch nur noch mit Engeln beschäftigt.» Es folgten über 200 Webarbeiten mit Himmelsboten aller Art.

Von grosser Bedeutung sind für ihn die letzten Entwürfe seiner Frau. Es war, als ob sie ihr Ende hätte kommen sehen: Auf der einen Skizze fliegt ein Engel mit offenen Armen, als ob er jemanden aufnehmen möchte, auf der anderen begleiten zwei Engel einen Verstorbenen ins Jenseits.

Angst vor dem Tod ist weg

Seine Trauer hat Kocher damit verarbeitet, dass er seiner Frau ein Grabmal schuf. Es zeigt einen Engel, der den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen will. Majestätisch hebt er den rechten Arm, breitet gleichzeitig den linken Arm einladend aus – «ich habe die Angst vor dem Tod verloren. Er gehört zum Leben.»

Natürlich fehle ihm seine Frau, «am Anfang vermisste ich es, ihr nicht mehr helfen zu können», sagt Kocher zum Schluss. Noch heute zündet er beim Essen an ihrem Platz eine Kerze an. Und spricht mit ihr.

Berner Zeitung

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