Energiewende – Theorie und Praxis

Bolligens Gemeindepräsident Rudolf Burger ärgert sich über die kantonalen Behörden.

Rudolf Burger

Kürzlich hat der Kanton Bern im Stade de Suisse zum «NEnergietag» gerufen, wie dieses klobige Wortkonstrukt vermuten lässt, gewidmet den Themen «Nachhaltige Entwicklung» (NE) und «Energie». Das Motto der Tagung hiess: «Global denken – lokal handeln». In einer Rede von Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer wurden Gemeindevertreter dazu aufgefordert, sich an die lokale Umsetzung der Energiewende zu machen.

Globale Zielsetzungen nützten wenig, wenn sie nicht «vor unter hinter der eigenen Haustüre, im eigenen Dorf, in der eigenen Stadt» umgesetzt würden, sagte die Energiedirektorin und schloss mit dem Appell an die Gäste, doch auch in ihrer Gemeinde einen Beitrag zur Energiewende zu erbringen. In Arbeitsgruppen und weiteren Vorträgen wurde das Thema vertieft, leitende Funktionäre des Kantons boten ihre Hilfe an, falls man in der Gemeinde an einem der Energiewende nützlichen Projekt zu arbeiten gedenke.

Soweit die Theorie. In der Praxis arbeitet die Gemeinde Bolligen seit ungefähr zwei Jahren an der Energiewende. Die Heizanlagen verschiedener grösserer Überbauungen sind in die Jahre gekommen und müssen in nächster Zeit erneuert werden. Die Studie eines renommierten Ingenieurbüros kam zum Schluss, dass mehrere dieser nicht allzu weit auseinander liegenden Wohngebiete durch eine Fernwärmeversorgung miteinander verbunden werden könnten. «Fernwärme – wenn nicht in Bolligen, dann wo?» hiess es als Quintessenz in diesem Papier.

So machte sich eine Arbeitsgruppe der Gemeinde ans Werk, lud in der Fernwärmeversorgung tätige Firmen ein, sich um eine Konzession für eine Anlage in Bolligen zu bewerben und kam nach intensiver Evaluation zum Schluss, dass Bolligen mit dem in Solothurn und Basel-Land tätigen Konsortium AEK/EBL zusammenarbeiten sollte, das über reiche Erfahrungen auf diesem Gebiet verfügt.

Nun ging es an die Konkretisierung dieser Fernwärmeversorgung. Für die Zentrale wurden 12 mögliche Standorte unter die Lupe genommen, von denen sich aber nur einer als ideal erwies: Im oberen Bereich der Gemeinde positioniert, gut so zu erschliessen, dass die Lastwagen nicht durch ganz Bolligen fahren müssen, belegt durch eine alte Scheune, im Besitz eines verkaufswilligen Eigentümers.

Nur ein Nachteil hat dieser Standort: Er liegt in der Landwirtschaftszone. Erste Gespräche mit dem AGR, dem Amt für Gemeinde und Raumordnung ergaben, dass eine Baubewilligung nur auf politischem Weg, durch eine Verfügung des Regierungsrats, zu erhalten sein würde. Also wurden die beiden zuständigen Regierungsräte, Gemeindedirektor Christoph Neuhaus und Energiedirektorin Barbara Egger-Jenzer, um einen Termin für ein Treffen mit der Gemeinde und dem Konsortium AEK/EBL gebeten.

Dazu kam es nicht, dafür zu einer Sitzung mit Vertretern des Amtes für Umweltkoordination und Energie (AUE), die erklärten, dass eine Baubewilligung für eine solche Fernwärmezentrale allenfalls zu bekommen wäre, wenn sie in der Fassade des bestehenden Gebäudes untergebracht werden könnte.

Das stellte sich als Irrtum heraus, wie ein Treffen kurz danach mit Vertretern des AUE und des AGR ergab. Eine Bewilligung für eine Fernwärmezentrale in der Landwirtschaftszone könne es nicht geben, hiess es nun. Und würde sie der Regierungsrat per Verfügung erteilen, würde sich das AGR dagegen aussprechen, falls via Beschwerden der Instanzenweg beschritten würde. Von Hilfestellung seitens des Regierungsrats und der zuständigen Ämter für ein wichtiges Projekt zur Energiewende auf Gemeindeebene also keine Spur.

Wieso nicht? Es wird auf Paragraph 24 des Raumplanungsgesetzes (RPG) verwiesen, der Bauten in der Landwirtschaftszone verunmöglicht, sofern sie nicht in Zusammenhang mit einem Landwirtschaftsbetrieb stehen. Dass auf dem fraglichen Gelände im oberen Dorfteil Bolligens schon eine Scheune steht, dass der Bodenverbrauch nur unwesentlich höher wäre – das zählt nicht.

Auch nicht, dass andere Kantone mit dieser Bestimmung grosszügiger umgehen. Der gleiche Kanton Bern und der gleiche Regierungsrat Neuhaus will aber, notabene gegen den Willen der Bevölkerung, auf Landwirtschaftsgebiet in der Gemeinde Meinisberg einen Platz für Fahrende errichten. Da spielen die Paragraphen des RPG offenbar keine Rolle.

Wie weiter in Bolligen? Es gibt einen zweiten möglichen Standort, der aber mit vielen Unsicherheiten und Nachteilen behaftet ist: Er liegt unten im Tal, bei Inversionslagen bleibt der Rauch stecken. Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert, und das Gelände wurde vor Jahren als Deponie benutzt, es ist im Kataster der Altlasten aufgeführt. Die Leitungen für die Fernwärmeversorgung müssten unter der Worble und den RBS-Geleisen und grossräumig um den Knoten beim Bahnhof herum geführt werden. Das Bauen an diesem Standort wäre teuer, und viele zeitfressende Unsicherheiten stellen in Frage, ob das Projekt dort überhaupt verwirklicht werden könnte.

Die Zeit aber drängt. Die Heizungen vieler grösserer Überbauungen sind am Ende ihrer Lebenszeit. Ihre Betreiber müssen wissen, ob eine Fernwärmeversorgung zustande kommt. Wenn das Konsortium AEK/EBL die Übung abbricht, und dieses Riskio besteht, werden in den fraglichen Überbauungen pro Jahr weiterhin 1,8 Millionen Liter Heizöl verbrannt. Statt lokales Handeln zu ermöglichen, hätten Regierung und Behörden dazu beigetragen, auf Kosten von Umwelt und lokaler Wertschöpfung eine internationale Abhängigkeit auf Jahrzehnte hinaus zu verlängern.

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