Energiegesetz: Der Stadt-Land-Graben war schon tiefer

Nicht nur in den urbanen Gegenden des Kantons Bern legten beim Energiegesetz viele Stimmbürger ein «Ja» in die Urne. Auch im östlichen Emmental fand das Gesetz Anklang.

<b>Ist Befürworter des Energiegesetzes</b> und im Vorstand des Berner Hauseigentümerverbandes: Samuel Leuenberger (BDP).

Ist Befürworter des Energiegesetzes und im Vorstand des Berner Hauseigentümerverbandes: Samuel Leuenberger (BDP).

(Bild: fu)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Für Samuel Leuenberger, BDP-Grossrat aus Trubschachen, war es kein einfacher Sonntag. Selbst ein Befürworter des Energiegesetzes, sitzt der Mann auch im Vorstand des Berner Hauseigentümerverbandes.

Im Gremium also, welches das Referendum gegen das Gesetz ergriffen hatte. Ein Interessenkonflikt – im Abstimmungskampf hielt sich Leuenberger deshalb zurück. Das gebiete der Anstand und entspreche seinem Verständnis von Kollegialität, sagt er am Tag danach.

Diskussionen um Energie, Klima und Wandel verlaufen oft entlang ideologischer Linien. In der Vergangenheit bildeten diese Linien nicht selten die Gräben zwischen Stadt und Land.

Das knappe Nein zum Berner Energiegesetz offenbarte: Die Gräben waren schon tiefer. Exemplarisch zeigte sich das in Leuenbergers Heimat, in den Gemeinden am östlichen Zipfel des Emmentals.

In Langnau, Trub und Trubschachen sprach sich eine Mehrheit der Stimmberechtigten für die Vorlage aus. Leuenberger sagt: «Die Region war schon immer recht progressiv in Energie­fragen.»

Der Trubschacher Gemeindepräsident Beat Fuhrer (GLP) begründet die Zustimmung mit dem Bewusstsein, das im Dorf herrsche: «Die Leute hier wissen, wie wichtig der sorgfältige Umgang mit Energie ist.»

Tatsächlich scheint die Energiewende in Trubschachen mehr zu sein als ein blosses Lippenbekenntnis: Auf dem Dach der Schulanlage stehen 486 Solarmodule. Geheizt wird mit Holschnitzeln statt Öl.

Bei der Beleuchtung seiner Strassen setzt das Dorf – als eines der ersten des Landes – komplett auf LED-Lampen. Und der Gemeinderat hat sich Elektrovelos als Amtsfahrzeuge zugelegt.

Pioniergeist und Holz

Raoul Knittel ist Umweltingenieur und Projektleiter der Energieregion Emmental. Er verweist auf die Tradition lokaler Genossenschaften. «Die grossen Energieversorger interessieren sich nur sehr bedingt für die Peripherie.»

Für ihn kein Nachteil, im Gegenteil. «In den Tälern und Gräben müssen wir uns selbst helfen.» Noch kratze man erst an der Oberfläche. 2010 verfasste die Energieregion Emmental eine Studie, die zum Schluss kam: Das Emmental könnte sich bis zu 80 Prozent selbst mit Energie versorgen.

Die Solargenossenschaft Trubschachen zum Beispiel produziere Solarstrom auf dem Schulhausdach Hasenlehn und vermarkte diesen erfolgreich. «Wir müssen Projekte dieser Art noch konsequenter weiterverfolgen.»

Man habe bewiesen, dass es realistische Alternativen gebe und dass sich damit Geld verdienen lasse. Die Solargenossenschaft etwa schreibe längst schwarze Zahlen. «Wenn das bei uns funktioniert, dann geht das überall.»

Der Emmentaler Pioniergeist ist eine Art, das Resultat zu deuten. Ein Anruf in Trub offenbart eine andere. Die Hälfte der Gemeindefläche ist bewaldet. Seit den Winterstürmen im vergangenen Jahr ist Holz in rauen Mengen vorhanden, gleichzeitig sind die Preise gefallen.

Viele lokale Landwirte sind auf die Nebeneinkünfte aus dem Verkauf angewiesen. Das Energiegesetz hätte ihnen eine Tür geöffnet und die Nachfrage womöglich angekurbelt. «Die Leute wollen ihre Ware verkaufen», sagt der Truber Gemeindepräsident Peter Aeschlimann (SVP).

Für Samuel Leuenberger ist das abgelehnte Energiegesetz nicht das Ende der Wende. Aber ein Signal: «Die Wende gelingt nur, wenn wir sie sukzessive und in kleinen Schritten vollziehen.» Künftig wird auch er sich wieder offen dafür einsetzen.

Berner Zeitung

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