Eintracht am Kultur-Subventionstopf

Bern

Kulturvertreter sprechen in Kulturkommissionen Projektbeiträge an Kulturvertreter. Kein Problem, sagen die Kommissionsmitglieder. Doch jetzt gibt es Widerspruch aus der Szene.

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(Bild: Max Spring)

Michael Feller@mikefelloni

«Die Berner Kulturszene bleibt gerne unter sich – Engagement und Fachwissen sind unbestritten, aber es fehlt ein Bewusstsein, wie man das Geld verteilt», sagt Myriam Prongué. Bis vor zwei Wochen war sie Co-Leiterin des Schlachthaus-Theaters Bern – sie kennt die Berner Kultur gut, besonders die Theaterszene.

«Es gibt viele Kommissionsmitglieder mit Doppelfunktionen», sagt sie. Das heisst: In irgendeiner Form sind alle in das Berner Kulturschaffen involviert und profitieren direkt oder indirekt von Entscheidungen des Gremiums, in dem sie sitzen. Oder sie befinden über Gesuche von Freunden und Berufskollegen, mit denen sie in anderen Projekten schon zusammengearbeitet haben.

Interessenkonflikte sind also vorprogrammiert. Vor drei Jahren hat diese Zeitung über eine fragwürdige Vergabe von Literaturstipendien an eine junge Autorin berichtet. Marion Suter ist die Ex-Partnerin des damaligen Kommissionsmitglieds Roland Reichen – der seine Befangenheit jedoch verschwiegen hatte.

Theater und Tanz: Dichtes Beziehungsnetz

Personelle Verstrickungen werfen auch in der Kommission Theater/Tanz Fragen auf. 2013 hat sie mit 38 Prozent den grössten Teil der zur Verfügung stehenden 2,6 Millionen Franken vergeben. Zum Beispiel an Mathias Bremgartner. Der Theaterwissenschaftler leitet auch Theaterprojekte der Gruppe Mydriasis. Letztes Jahr hat diese für zwei Produktionen insgesamt 41000 Franken erhalten, das ist der zweithöchste Betrag für Theaterschaffende. 40000 Franken gingen an Schauplatz International. Daran ist Bremgartner zwar nicht beteiligt, aber er war in früheren Jahren Produktionsleiter der Gruppe. Eine unproblematische Konstellation?

Ebenfalls in der Tanz/Theaterkommission sitzt Georg Weinand, Leiter der Dampfzentrale. Praktisch alle grösseren Beträge, die für den Tanz vergeben werden, gehen an Künstler, die ihre Stücke in der Dampfzentrale aufführen. Es geht um Beiträge von jeweils mehreren 10'000 Franken, die darüber entscheiden, ob eine Produktion zustande kommt oder nicht. Die Kommission hat also beträchtlichen Einfluss darauf, was die Dampfzentrale zeigen kann und was nicht. Darf ein Georg Weinand hier mitbestimmen?

Mathias Bremgartner und Georg Weinand nehmen gemeinsam Stellung auf die Fragen. «Die Mitglieder aller städtischen Kommissionen sind grundsätzlich gut vernetzt», schreiben sie in ihrer Mail. Die Kenntnis der lokalen Szene sei eine wichtige Voraussetzung für fundierte Entscheidungen. Um die Befangenheit zu entschärfen würden strenge Regeln gelten: «Natürlich treten alle Kommissionsmitglieder in den Ausstand, wenn sie bei einem Projekt in irgendeiner Form involviert sind.»

In den Ausstand zu treten, löse aber das eigentliche Problem nicht, findet Myriam Prongué, die neu Leiterin der Abteilung Theater bei Pro Helvetia ist: «Man kann die Projektbeurteilungen so drehen, dass noch Geld für das eigene Projekt übrig bleibt, wenn es an der Reihe ist.» Es gehe ihr nicht darum, einzelnen Kommissionsmitgliedern etwas zu unterstellen. «Aber das Berner System ist kein Beispiel von ‹good governance›.»

Kunstkommission: Vereinigte Ausstellerszene

Die Liste der städtischen Kunstkommission liest sich wie das Who’s who der Berner Kunstszene. Neben Präsident Bernhard Bischoff, Galerist, sitzen unter anderen Kathleen Bühler (Kunstmuseum Bern) Peter Fischer (Zentrum Paul Klee) und Fabrice Stroun (Kunsthalle) im Gremium. Auch hier trifft sich also ein Insiderkreis zur Projektbeurteilung. «Alle Kommissionsmitglieder haben immer wieder mal Interessenkonflikte», räumt Bernhard Bischoff ein, «das zeigt, dass sie aktiv am Berner Kulturleben teilnehmen.» Wichtig sei einfach, dass allfällige Interessenkonflikte klar offengelegt würden.

Gerade die fehlende Transparenz ist es, die Boris Billaud, Künstler und Betreiber der Neuen Kunsthalle, bemängelt. Er hat sich bereits an der Kulturkonferenz letzten Donnerstag kritisch zu den Kulturkommissionen geäussert. Ihre Zusammensetzung erachtet er als fragwürdig. «Es fehlt ein Verständnis für den Umgang mit der Sitzvergabe. Die Stadt leistet sich ein unprofessionelles Gerüst für die Kulturförderung.» Er fordert den Einsitz von Vertretern der Berufsverbände als Kontrollinstanz. Auch Myriam Prongué sieht die Lösung in der Öffnung : «Es wäre besser, wenn man auswärtige Leute an diesen Entscheiden teilhaben lassen würde.»

Literatur: Kein Problem mit Hofberichterstattung

Nicht nur Kulturschaffende und Veranstalter sitzen in den Kommissionen, auch Journalisten entscheiden über Kulturfördergelder mit. Während die Kulturschaffenden ihre Absicht betonen, ihre Rollen so weit wie möglich zu trennen, gilt diese Zurückhaltung für Kulturjournalisten offenbar nicht. Literaturkritiker Alexander Sury vom «Bund» präsidiert die Literaturkommission. Er schreibt nicht nur selbst über die Entscheidungen der Kommission, an denen er selbst seinen Anteil hat, er feiert ausgezeichnete Schriftsteller gleich ganzseitig ab – und dies ohne je seine Doppelrolle zu deklarieren. Problematisch ist dies unter anderem deshalb, weil es die Aufgabe der Medien wäre, die Arbeit städtischer Gremien kritisch zu betrachten.

«Als Journalist und Literaturkritiker sehe ich es als meine Aufgabe an, den von mir mitgetragenen Entscheid auch gegen aussen zu vertreten», sagt er. Eine «Deklarationspflicht» hält er für übertrieben: «Meine Funktion als Präsident der Literaturkommission ist kein Geheimnis.»

Berner Zeitung

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