Eine Stadt erinnert sich an ihr Monument

Tout-Berne gedenkt des verstorbenen Musikers Polo Hofer. In seiner Stammbeiz werden die Gläser auf ihn erhoben, im Internet Fotos geteilt.

Zwischen Stadt und Land, von vielen verehrt:  Polo Hofer (1945–2017), dargestellt von Max Spring, Illustrator dieser Zeitung.

Zwischen Stadt und Land, von vielen verehrt: Polo Hofer (1945–2017), dargestellt von Max Spring, Illustrator dieser Zeitung.

Noch ist der Tisch verwaist. Reserviert ist er aber wie jeden Dienstag. 17 Uhr und Polo steht auf der Karte. Ob an diesem Abend im Café des Pyrénées jedoch gejasst wird, steht in den Sternen. Die Jassrunde hat ihr prominentestes Mitglied verloren. Polo Hofer wird nie mehr von Oberhofen das Schiff nach Thun besteigen, um von dort mit dem Zug nach Bern zu fahren.

Wer hier seinen Spuren folgt, landet unweigerlich im Pyrénées, von allen Pyri genannt. Anekdoten zum Musiker gibt es aber an jeder Ecke, überall erinnert sich jemand an ihn. Etwa im Loren­zini, wo er sich weigerte – Rauchverbot hin oder her – seine Zigarette auszumachen. Bis irgendwann sogar die Polizei auftauchte. Und das Nationalheiligtum untertänigst bat, doch das Rauchen sein zu lassen.

Allerlei Anekdoten

Ob Aarbergerhof, Musikbistrot, Morillon, Matte Rock Beiz, Broncos Loge, Altenberg, Uhu, Drei Eidgenossen, Süder... die Liste der von ihm frequentierten Beizen ist lang und bei weitem nicht abschliessend. Kaum ein Berner Beizer, der nicht einen Schwank über ihn zu bieten hat.

Dante Barisi, der frühere Krone-Wirt, erzählt davon, wie Polo manchmal einfach bei ihm aufgetaucht sei, den vordersten Tisch in Beschlag nahm und anfing, seine CDs zu verkaufen. Bernhard «Bärni» Schwenter, der frühere Landhaus-Wirt, schildert, wie sich Polo manchmal ad hoc zu Bands auf die Bühne gesellte.

Michel Tahar, der im Musikbistrot und im Morillon wirtete, erzählt von einer weniger bekannten Seite des Mundartpioniers. Polo, der Tahars Tatar schätze, paukte regelmässig mit den Töchtern des Wirtes Hausaufgaben, Rechnen war angesagt.

Eine ähnlich gelagerte Episode, die über ihn erzählt wird: Als 2005 ein weiteres Jahrhunderthochwasser Tatsache wurde, war es Polo, der im Zelt der Feuerwehr in der Matte den 8-jährigen Kindern Geschichten erzählte, um ihnen die Angst zu nehmen.

Es gab eine Zeit in Bern, da gehörte man erst wirklich dazu, wenn man bei Polo am Tisch sitzen durfte. Glücklich, wer mit ihm gesehen wurde. Was sich so früher in den Beizen abspielte, ereignet sich dieser Tage in den sozialen Medien wie Facebook.

Tout-Berne postet ein Foto von Polo, jeder und jede teilt eine ganz persönliche Erinnerung an ihn. Bilder aus den Ferien, beim Wandern oder eben aus der Beiz. Eine Stadt erinnert sich kollektiv.

Das Pyri und der Polo

Retour im Pyri. Hier in seinem Wohnzimmer ist sein Geist spürbar. Legendär die Episode mit dem Fumoir, das kleinste der Stadt, wie es hiess. Die damalige Wirtin Silvia Chautems hat extra für den prominenten Stammgast die Telefonkabine zur «Räucherkammer» umfunktioniert. Mit offizieller Einweihung und einem Eröffnungskonzert, versteht sich.

Irgendwann an diesem Abend kommt die Sile selber vorbei. Hat Polo das Pyri oder das Pyri den Polo mehr gebraucht? «Wir brauchten uns gegenseitig, haben einander unterstützt», sagt sie. Seinen Tod habe sie noch nicht wirklich realisiert. Da sei einfach eine «enorme Traurigkeit».

Immer mehr Weggefährten und Bekannte treffen nun zu ­Feierabend im Pyri ein. Gitarrist Martin Diem, ein langjähriger Begleiter, steht traurig an der Bar. Sein Tresennachbar sagt: «Für jeden fällt einmal der Vorhang.» Diem nickt. Daniel Stöckli, seit Jahren Polos Booker, betont die professionelle Seite des Musikers.

Viele Gäste erheben ihr Glas auf ihn, manch Besucher ist nur seinetwegen gekommen. Viele Stammgäste sind sich einig: ­Parallel zum Beizerwechsel des Pyri Ende 2015 hat sich auch Polos ­gesundheitlicher Zustand verschlechtert. Ex-Wirtin Sile ­allerdings hält das für einen Zufall.

Pünktlich um 17 Uhr treffen dann tatsächlich noch zwei Jasskumpel ein. Georges Conus und Urs Huber setzen sich wie immer an ihren Tisch hinten links im Stübli. Der Jassteppich bleibt aber am Haken. Er habe seinen eigenen Jassstil gehabt, der Polo, sagen seine Jasskumpel und lächeln milde. Am Dienstagabend wurde im Pyri nicht gejasst.

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