Eine Reise für die Hoffnung

Normalerweise kutschiert Sohan Lal Gäste in der Rikscha durch die Berner Gassen. Nun nimmt der Inder die Erfüllung eines Traums in Angriff: Er will mit der Rikscha 5500 Kilometer bis nach Indien, sein Heimatland, fahren.

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Ein Blick nach rechts, ein Winken da, ein «Hallo» dort. Das freundliche Lächeln bleibt die ganze Zeit über, scheint ihm ins Gesicht gemeisselt. Wenn Sohan Lal in seiner Rikscha durch die Berner Gassen radelt, ist die Welt für ihn in Ordnung. Und für die Gäste, denen auf der indisch dekorierten Sitzplattform hinter Sohan die leichte Berner Stadtbrise um die Ohren zieht, ebenfalls. Man spürt Sohan die Leidenschaft richtiggehend an.

Der grosse Traum des Sohan Lal

Der 40-jährige Inder hat sich vor drei Jahren selbständig gemacht, bietet seither Rikschafahrten durch Bern und Umgebung an. Sohan wirkt unglaublich sympathisch, er geht auf die Leute ein, fragt, was sie interessieren und legt eine erfrischende Offenheit an den Tag. Zu Hause warten seine Frau und seine zwei Töchter. Sechs und acht Jahre alt sind sie. Der Familienvater lebt ein glückliches Leben. Eigentlich.

Doch Sohan will mehr. Seit er vor zwölf Jahren mit seiner Frau in die Schweiz gezogen ist, um ein völlig neues Leben anzufangen, verfolgt er einen grossen Traum. Er will mit seiner Rikscha nach Indien fahren. Nach Delhi, in seine alte Heimat. Dorthin, wo er früher bereits als Rikschafahrer tätig war.

Mit einer Rikscha von Bern nach Delhi? Sohan präzisiert: «Leider kann ich nicht den ganzen Weg fahren». Zu steinig, zu steil oder zu gefährlich seien gewisse Teile Asiens. Der Weg führe erst mal durch zehn europäische Länder bis nach Athen, wo die Rikscha nach Mumbai verschifft wird. Von dort aus beabsichtigt Sohan, das Land bis nach Delhi hinaufzuradeln. Insgesamt seien 5500 Kilometer geplant, davon fast die Hälfte nur in Indien.

Unterstützung der Aina Fondation

Was sind die Gründe? Was bewegt jemanden dazu, ein solches Unterfangen zu planen und durchzuführen? «Es ist mein grösster Traum, mit der Rikscha nach Delhi zu fahren», sinniert Sohan. Aber die Reise an sich durch die zahlreichen Länder und die Begegnung mit verschiedenen Kulturen sei nur ein Teil seines Traums. Sohan Lal wäre nicht er selbst, wenn es nicht noch einen weiteren, der Gesellschaft dienenden Grund für sein Unterfangen gäbe.

Der Hauptgrund seiner Reise bestünde darin, eine kleine Organisation in Delhi zu unterstützen, die sich mit der Betreuung von alkohol- und drogenabhängigen Menschen beschäftigt und ihnen die Rückkehr in den Alltag ermöglichen will. Ein Freund seines Bruders habe die Aina Fondation gegründet, erläutert er. Die Umstände seien allerdings prekär – nur ein Raum stünde zur Verfügung. «Teilweise schlafen bis zu 40 Leute auf dem Boden», fügt Sohan an.

Mithilfe von Crowdfunding will er bereits während der Reise Geld sammeln, um der Stiftung eine verbesserte Infrastruktur bieten zu dürfen. Dazu will er seine Reise medial verbreiten und mithilfe von Blogeinträgen, Videos und Berichten den Kontakt zu den Leuten in sozialen Medien pflegen. In Delhi will er zwei bis drei Wochen verweilen und sich aktiv beteiligen. Dort werden ihn seine Frau und seine zwei Töchter besuchen kommen. «Drei Monate soll die Reise insgesamt etwa dauern», sagt Sohan.

Tour de Suisse als Vorbereitung

Wie anstrengend ist denn das Fahren auf einer Rikscha überhaupt? «Die Rikscha kann bis zu 400 Kilogramm schwer werden», erklärt Sohan. Viele könnten sich das gar nicht vorstellen. So absolvierte Sohan Anfang Juli dieses Jahres eine Art Tour de Suisse, wo er die neuen Funktionen sowie die Abenteuertauglichkeit seines Gefährtes testen konnte.

Einem Abstecher nach Interlaken retour folgte die eigentlich Tour, die über Olten, Zürich, Zug, Luzern und wieder zurück nach Bern führte. Funktioniert habe alles gut, meint Sohan. Damit sowohl er selbst als auch seine Rikscha aber richtig auf die Probe gestellt werden konnten, hat er in Luzern spontan zwei tschechische Touristinnen aufgeladen und diese mitsamt Sack und Pack nach Bern kutschiert.

Unterstützung von Globetrotter

Seit über zwei Jahren bereitet sich der gebürtige Inder auf die Reise nach Indien vor. Die Planung gestaltet sich alles andere als einfach. Vor allem an finanzieller Unterstützung fehlt es ihm noch. 80'000 Franken soll die Reise kosten. Die Hälfte davon geht alleine für die Vorbereitung, also den Umbau der Rikscha, den Arbeitsaufwand und die Testreise drauf.

Der Hauptsponsor ist allerdings gefunden. Während einer Fernwehveranstaltung von Globetrotter wurde er gefragt, was denn seine grossen persönlichen Pläne seien. «Ich wusste nicht, was ich sagen soll, also antwortete ich völlig spontan», erzählt Sohan. Er wolle mit der Rikscha nach Indien fahren. Globetrotter war begeistert und versicherte ihm die Unterstützung. Konkret bedeutet dies, dass Globetrotter die Hälfte der Gesamtkosten übernimmt; sozusagen die gesamte Vorbereitung. Im Gegenzug offeriert Sohan grossflächigen Werberaum auf seiner Rikscha. Für die 38‘000 Franken, die Sohan für die Reise selbst benötigt, sucht er noch Sponsoren. Wenn er einen Geldgeber findet, steht dem Beginn seiner Reise nichts mehr im Weg.

So oder so. Man spürt Sohan an, dass er Feuer und Flamme für dieses Vorhaben ist. «Meine Reise soll zeigen, dass man vieles erreichen kann, wenn man an sich glaubt», erklärt er. Für Sohan wird es die Erfüllung eines grossen Traums sein.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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