Eine Kirche für Reformierte und Katholiken

Bern

Es ist ein Tabubruch: Bei der Reorganisation der Stadtberner Kirchgemeinden ist vorgesehen, dass im Nordquartier Reformierte und Katholiken die katholische Marienkirche gemeinsam nutzen.

Die Präsidenten bei der Marienkirche: Basilius Stammbach (Markus), Sabina Maeder (Marien) und Marco Ryter (Johannes).

Die Präsidenten bei der Marienkirche: Basilius Stammbach (Markus), Sabina Maeder (Marien) und Marco Ryter (Johannes).

(Bild: Christian Pfander)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Seit der Reformation ist klar: Reformierte und Katholiken feiern ihre Gottesdienste in verschiedenen Kirchen. Doch nun wollen die Kirchgemeinden im Stadtberner Nordquartier neue Wege gehen. Reformierte und Katholiken sollen künftig in erster Linie noch eine Kirche für ihre Gottesdienste nutzen, die in der Regel getrennt stattfinden werden. Das schlägt eine Projektgruppe vor.

Der Plan sieht vor, dass die Marienkirche zum kirchlichen Zentrum im Quartier wird. Diese Kirche gehört der katholischen Pfarrei. Es soll jedoch möglich sein, dass künftig auch in der Johannes- und der Markuskirche Gottesdienste stattfinden. 110 Personen liessen sich am Dienstagabend im Kirchgemeindehaus Johannes über die Pläne informieren (siehe Kasten).

Das Undenkbare denken

Basilius Stammbach, Präsident der Kirchgemeinde Markus, ist sich bewusst, dass der Vorschlag auch Kritik auslösen wird. Doch er ist überzeugt, dass es der richtige Schritt ist: «Die Mitgliederzahlen schwinden, und die Liegenschaften der Kirchgemeinden sind überdimensioniert. Diese Probleme haben sowohl die reformierten Kirchgemeinden wie auch die katholische Pfarrei», betont er.

«Die gesellschaft­liche Entwicklung brachte uns dazu, das Undenkbare zu denken.»Basilius Stammbach, Präsident Kirchgemeinde Markus

Es sei der Druck der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung, der die Mitglieder der Kirchgemeinderäte dazu gebracht habe, über den Tellerrand zu blicken. «Und über das Undenkbare nachzudenken.» Entschieden ist indes noch nichts.

Die Sparvorgabe

Die Projektgruppe macht diesen Vorschlag im Rahmen der Reorganisation der Stadtberner Kirchgemeinden. Dabei ist vorgesehen, dass es für die Stadt Bern statt wie bisher 13 nur noch eine Kirchgemeinde geben wird. Als kleinere Einheiten sollen Kreise gebildet werden, die jedoch nicht über einen eigenen Kirchgemeinderat verfügen.

Im Rahmen dieses Projektes wird auch der Immobilienbestand der Kirchgemeinden angeschaut. Eine Vorgabe lautet dabei, «die Immobilienkosten um 50 Prozent zu senken». Auslöser für diesen Sparauftrag waren die schrumpfenden Mitgliederzahlen. Die Kirchgemeinde Markus zählte im Jahr 1990 rund 6270 Mitglieder, jetzt sind es noch 3500. In der Kirchgemeinde Johannes sank die Mitgliederzahl in der gleichen Zeitspanne von 7600 auf 5300.

Neue Nutzer gesucht

Wird künftig nur noch die Marienkirche für Gottesdienste benutzt, stellt sich die Frage, was mit den beiden anderen Kirchen – der Johannes- und der Markuskirche – geschehen soll. Das ist derzeit noch nicht klar. Für Stammbach ist eine Möglichkeit, die Kirchen im Baurecht an interessierte Institutionen zu verkaufen. Ein Verkauf der Grundstücke steht dagegen nicht zur Diskussion.

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Daneben betreiben die Kirchgemeinden Johannes und Markus ein Gemeindehaus. Die Häuser verfügen über je zwei grosse Säle und über mehrere Büro- und Sitzungsräume. Auch dafür sucht die Projektgruppe nach einer anderen Nutzung. «Wir wollen die Räume den Menschen und Organisationen aus dem Quartier zur Verfügung stellen und haben erste Abklärungen getroffen», sagt Stammbach.

Die Interessenten

Die Religionsgemeinschaft Don Camillo hat beispielsweise Interesse für das Gemeindehaus und die Kirche Johannes angemeldet. Sie ist aus der Jugendgruppe der reformierten Kirche Basel hervorgegangen. Ihren Sitz hat sie in Montmirail NE, und sie betreibt in Berlin ein Stadtkloster. Interesse für die Räumlichkeiten der Markuskirche hat das von Wohnen Bern betriebene Zentrum 44. Wohnen Bern ist eine Organisation, welche von der Stadt Bern finanziell unterstützt wird und die Aufgabe hat, Wohnungen für sozial Schwächere bereitzustellen. Die Fühler ausgestreckt hat zudem die Vineyard-Bewegung, eine Vereinigung evangelikaler Christen.

Kehrsatz war Vorreiter

In der Region Bern gibt es nur ein Beispiel für eine Kirche, die sowohl von Katholiken wie auch von Reformierten genutzt wird: In Kehrsatz wurde 1976 das ökumenische Zentrum eröffnet. Dort feiern seither die Reformierten und die Katholiken ihre Gottesdienste im gleichen Raum, jedoch nicht zur gleichen Zeit.

In Bremgarten nutzen Reformierte und Katholiken das Kirchgemeindehaus gemeinsam, seit die reformierte Kirchgemeinde ihr Haus an die politische Gemeinde verkauft hat. Die Gottesdienste feiern beide Konfessionen dagegen in ihren eigenen Kirchen.

Berner Zeitung

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