Eine haarige Angelegenheit

Franziska Santschi aus Münchenwiler stellt aus Haaren Schmuck her.

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Das waren noch Zeiten, als für den Bräutigam aus den Zöpfen der Braut eine Uhrenkette geflochten wurde. Eine echte Liebesgabe. Dieser Brauch aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist mittlerweile so gut wie ausgestorben, wie auch das Kunsthandwerk der Herstellung von Schmuck aus Haaren. Franziska Santschi aus Münchenwiler versucht, diese Tradition am Leben zu erhalten.

Schmuck weckt Emotionen

Die 53-Jährige trägt – nebst ­anderem selbst gemachtem Schmuck – einen Fingerring. Auf den ersten Blick ein ganz normales Schmuckstück, erst bei genauerem Hinschauen stellt der Betrachter fest, dass es aus Haaren hergestellt ist. «Aus den Haaren meiner Töchter», präzisiert die dreifache Mutter. Franziska Santschis Ehemann wiederum trägt Schmuck aus Haaren seiner Frau, etwa eine Krawattennadel. Aufgrund des in der Regel persönlichen Bezugs zum Haarträger weckt der Schmuck der Münchenwilerin Emotionen. Etwa dann, wenn eine Mutter ein Armband ihrer Tochter erhält, ein Paar seine Haare in Ringen trägt – oder gar Haare von Verstorbenen verarbeitet werden.

Und wie sind die Rückmeldungen, wenn sie von ihrem nicht alltäglichen Hobby erzählt? «Sie reichen von Faszination bis Kopfschütteln.»

Kochen und einfrieren

Erhält Franziska Santschi Haare zum Verarbeiten, werden dieses zuerst einmal eingefroren, damit allfällige Schädlinge absterben, danach werden die Haare gezählt. «Mindestens drei Haare zusammen ergeben einen Strang.» Diese werden auf eine Jatte (siehe Bild) aufgezogen. Und dann beginnt das Klöppeln oder Flechten, das ganz, ganz viel Fingerspitzengefühl und Geduld erfordert. «Diese Arbeit hilft mir, mich zu entspannen.» Jedes Schmuckstück wird am Ende – zur Festigung – noch kurz gekocht. Und: Nebst Menschenhaaren verarbeitet Franziska Santschi auch Tierhaare.

Erlernt hat die Werklehrerin das spezielle Handwerk vor rund 20 Jahren bei Lili Rhyn in Herzogenbuchsee, der zu diesem Zeitpunkt letzten Frau, welche die Techniken dieser speziellen Arbeit in der Schweiz noch beherrschte. «Ich bin jeweils mit dem VW-Bus von Münchenwiler nach Herzogenbuchsee gefahren, um neue Geflechte zu erlernen – und nachts, wenn die Kinder im Bett waren, habe ich geübt und geübt und geübt.»

Vom Aussterben bedroht

Heute ist Franziska Santschi im Besitz von rund 100 verschiedenen Mustern, auch Flechtbriefe genannt, meist aus alten Büchern. «Es war unglaublich schwierig, an Informationen zu diesem fast ausgestorbenen Handwerk zu gelangen», sagt Franziska Santschi. Auch deshalb archiviert sie fein säuberlich sämtliche Muster und Schmuckstücke. Ihr ist es wichtig, dass dieses Handwerk einmal über ihren Tod hinaus weiterleben wird.

Dazu verhelfen sollen auch Kurse, welche Franziska Santschi anbietet: «Für den diesjährigen Anfängerkurs konnte ich acht Teil­nehmerinnen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich gewinnen», freut sie sich. Zudem präsentiert sie alle 2 Jahre ihr Handwerk am Handwerkermarkt in Bremgarten (AG).

Der Klettverschluss als Feind

Reich wird Franziska Santschi mit ihrem Hobby nicht. Bereits ab 130 Franken fertigt sie Schmuckstücke an. Ein Schnäppchen, gemessen an der Arbeit, die dahintersteckt. In ihrem Atelier – wo sie auch Bilder und Blumen aus Haar herstellt – steht auch eine Jatte für 128 Stränge. «Eine Arbeitsrunde dauert 20 Minuten, und dann habe ich erst einen halben Millimeter ‹Schmuck›.»

Übrigens, der Haarschmuck hat auch einen modernen Feind. Er heisst Klettverschluss. Die Widerhaken zerstören bei Berührung die stundenlange Arbeit im Handumdrehen.www.hairwork.ch

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