Eine ganz besondere Ausgangslage

Kirchlindach

Der amtierende Gemeindepräsident Werner Walther erhält bei den Wahlen in Kirchlindach am 25. November Konkurrenz: von seiner Vorgängerin Magdalena Meyer und seinem Vize Christoph Grosjean.

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Der Präsident

Ein paar Äpfel und ein Zuckerhut. Werner Walther hat für den Fototermin etwas aus seinem Garten mitgenommen. «Alles hundert Prozent bio», betont er. Im Garten verbringe er die Sommerabende, nach der Arbeit oder den Gemeinderatssitzungen. Bekannte würden ihm einen grünen Daumen attestieren. Und wenn er die Gemeinde Kirchlindach mit einem Garten vergleichen müsste? «Es geht ihm gut. Wir schauen zu ihm. Er ist gepflegt, und es spriesst.» Die Gemeinde sei gesund, attraktiv und habe eine grosse Lebensqualität.

Der 62-jährige Walther ist seit 2007 Gemeinderat, seit August 2012 Präsident. Er kandidiert zwar auf der Liste der SVP, ist aber parteilos. «Ich politisiere auf der bürgerlichen Linie.» Er mache keine Parteipolitik, es gehe immer um die Sache. So habe er sich für die Eröffnung der Tagesschulen in Kirchlindach und Herrenschwanden sowie für die Schulsozialarbeit eingesetzt.

Intensive Legislatur

Die letzte Legislatur sei intensiv gewesen, blickt der Leiter Produktionsplanung bei der Stop-pani AG zurück. Auf der Verwaltung mussten wegen Pensionierungen zwei Kaderstellen neu besetzt werden, zwei von fünf Gemeinderäten sind zurückgetreten. Das habe viel Energie und Zeit gekostet. An den Gemeindeversammlungen blies dem Rat ein heftiger Wind entgegen. So wurde etwa eine Steuererhöhung abgelehnt und andere Projekte (Strassensanierung, Mehrwertabschöpfung) mussten in eine Zusatzrunde. Walther betont, im Gemeinderat herrsche ein sehr gutes und konstruktives Klima. «Wir diskutieren hart, und es geht um Sachgeschäfte.»

An der nächsten Gemeindeversammlung beantragt der Gemeinderat eine Steuererhöhung. Die anstehenden Projekte kosten viel Geld. «Wir büssen für die Sünden der Vergangenheit.» Es sei einiges vernachlässigt worden. Er möchte noch ein neues Projekt aufs Tapet bringen und spricht von einer «grossen Kiste»: Die Dorfkernplanung Kirchlindach will er zusammen mit der Bevölkerung angehen. Die Diskussion ums Schulhaus Herrenschwanden hätten ihm die Augen geöffnet. So könnten in Kirchlindach dereinst Gemeindeverwaltung, Schule, Kindergarten, Spielgruppe sowie Familien- und Alterswohnungen im selben Gebiet sein.

Für die Wahlen ist Werner Walther guter Hoffnung, wagt aber keine Prognose. «Die Stimmberechtigten haben eine echte Wahl», sagt er. 

Der Stellvertreter

Christoph Grosjean fährt mit dem Elektrovelo zum Fototermin vor, natürlich einem roten. «Rot ist meine Lieblingsfarbe», sagt der 51-Jährige. Und rot ist die Farbe seiner Partei, der SP. Das Velo sei im Alltag sein Fortbewegungsmittel und der Ausdruck seiner Politik: Vorwärtsgehen. Genau das hat Grosjean in den letzten Jahren gefehlt. Kirchlindach befinde sich in einem Stillstand: «Das bedeutet Rückschritt.» In den letzten Jahren habe sich die Entwicklung der Gemeinde auf das Bauen beschränkt. Die Frage lautete: Wo kann man noch bauen und verdichten? «Wir müssen uns mehr um unseren Lebensraum und die natürlichen Ressourcen kümmern, wie Artenvielfalt oder Wasser», sagt der Agronom. 

Grosjean ist seit vier Jahren im Gemeinderat und aktuell Vizepräsident. Er möchte den Dialog mit der Bevölkerung verbessern, denn beim Informationsaustausch bestünden Defizite. Die Führung einer Gemeinde werde zunehmend schwieriger. Die Wahlen vor vier Jahren mit dem Erdrutschsieg der SP habe die Gemeinde durchgeschüttelt. Grosjean versteht, dass dies für jene schmerzlich sei, die plötzlich weniger zu sagen hätten. Das habe sich auch negativ auf das politische Klima ausgewirkt, sagt Grosjean. Das wiederum schrecke Leute ab, die sich eigentlich gerne engagieren würden. Das stimme ihn nachdenklich.

Zusammenarbeit fördern

Eine Gemeinde wie Kirchlindach könne heute nicht mehr alles selber lösen, erklärt Grosjean. Man brauche Verbündete, um sich etwa bei der Regionalkonferenz oder beim Kanton mehr Gehör zu verschaffen. Er sieht sich als jenen, der diese interkommunale Zusammenarbeit fördert. Er nennt sein Engagement bei der Potenzialstudie Frienisberg-Süd, die aufgezeigt hat, wie die drei Gemeinden Wohlen, Meikirch und Kirchlindach enger zusammenarbeiten können. Das komme oft erst noch günstiger.

Als Verantwortlicher für die Finanzen hat Grosjean zusammen mit Kommissionen und Parteien eine Finanzstrategie erarbeitet. Denn auf die Gemeinde warten grosse Investitionen. «Früher wurden lieber die Steuern gesenkt als die Hausaufgaben gemacht», sagt Grosjean, der als Kommunikationsverantwortlicher Schweizer Pärke beim Bundesamt für Umwelt arbeitet. Die neue Finanzstrategie lege die Leitplanken für die kommenden Investitionen wie den Schulhausneubau Herrenschwanden fest. Da gehöre eine Steuererhöhung dazu.

Für Christoph Grosjean ist Werner Walther als Bisheriger Favorit für die Präsidiumswahlen, ein zweiter Wahlgang aber realistisch.

Die Vorgängerin

Magdalena Meyer holt zwei Trommeln hervor. Rhythmus gebe Energie, Boden und Kraft und halte die einzelnen Stimmen zusammen. Das fasziniere sie, sagt die 57-Jährige. Den Fototermin hat sie beim Heimeli gewählt: «Die Badi ist ein Ort, wo man Menschen aus allen Gemeindeteilen trifft.» Das Heimeli habe für viele eine grosse Bedeutung und sei mit Emotionen verbunden. Die Malereien von Schulkindern an den Wänden erinnern Meyer zudem an ihre Zeit im Kirchlindacher Gemeinderat, als die Zukunftskonferenz viel in Bewegung gebracht habe. Von 2003 bis August 2012 war Magdalena Meyer im Rat, die letzten dreieinhalb Jahre als Präsidentin. Sie trat damals zurück, weil ihr Mann schwer erkrankt war.

Gut sechs Jahre später will es Magdalena Meyer wieder wissen. Für die Grünliberalen kandidiert sie sowohl für den Gemeinderat als auch für das Präsidium. «Ich habe das Gefühl, dass der Gemeinderat keine Gesamtstrategie hat, vieles passiert eher zufällig.»

Sie ist überzeugt, dass sie dank ihrer beruflichen Tätigkeit – sie ist Politikverantwortliche beim Schweizerischen Gemeindeverband – viel Fachwissen in den Rat einbringen könne. Kirchlindach habe viele engagierte Bürger, die auch kritische Fragen stellen. In solchen Fällen sei es wichtig, überzeugende Antworten zu geben. «Wenn die Leute verunsichert sind, kann die Stimmung rasch kippen.»

Die Bevölkerung abholen

Es sei ihr wichtig, die Leute abzuholen. Meyer denkt an eine neue Zukunftskonferenz, um die Stossrichtung gemeinsam festzulegen. Kurz vor ihrem Rücktritt sei zudem eine Nachhaltigkeitsanalyse über alle Gemeindeaufgaben erstellt worden, welche helfe, bewusst Schwerpunkte zu setzen. Projekte dürften nicht einzeln betrachtet, sondern auch die Auswirkungen auf andere Themen müssten einbezogen und damit Synergien genutzt werden.

Kirchlindach steht vor grossen Investitionen. Der finanzielle Druck dürfe die Politik aber nicht lähmen, sagt die Grünliberale. Gerade jetzt sei es besonders wichtig, eine Entwicklungsstrategie zu haben, damit das Geld zielgerichtet eingesetzt werde.

Meyer rechnet damit, dass alle drei Kandidierenden in den Gemeinderat gewählt werden, dass es aber fürs Präsidium drei Wochen später zu einem zweiten Wahlgang kommt.

hus

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