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Eine Frau und ihre Mission

Plötzlich ist der Tschetschenienkrieg wieder ganz nah: «Eine nicht umerziehbare Frau» ist ein Stück über die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja.

Hommage an eine unerschrockene Journalistin: Schauspielerin Kornelia Lüdorff spielt die Russin Anna Politkowskaja.
Hommage an eine unerschrockene Journalistin: Schauspielerin Kornelia Lüdorff spielt die Russin Anna Politkowskaja.
Annette Boutellier

Vielleicht würde dieser Mord heute nicht mehr so viel Aufsehen erregen. Schliesslich ist es in Russland wieder normal, dass es gefährlich ist, für seine Überzeugungen einzustehen. An die Zeit vor Wladimir Putin kann man sich kaum erinnern.Vor 10 Jahren war das noch ein bisschen anders.

Als die Journalistin Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 in ihrem Wohnhaus erschossen wurde, empörte sich der Westen. Politkowskaja war zeitweise die einzige Journalistin gewesen, die regierungskritisch aus dem kriegsgeplagten Tschetschenien berichtet hatte.

Unerschrocken, kompromisslos und mutig. Oder eben: «Eine nicht umerziehbare Frau». Das ist der Titel des Monologs, den der italienische Autor Stefano Massini kurz nach dem Mord geschrieben hat. 10 Jahre danach wird er in den Vidmarhallen erstmals in der Schweiz aufgeführt. Das Stück beleuchtet nicht die Biografie der Journalistin, sondern ihre Mission: den Menschen in Tschetschenien eine Stimme zu geben.

Auszüge aus Reportagen wechseln sich ab mit Interviews mit Kriegsteilnehmern, Verhandlungen mit Geiselnehmern und Telefonaten mit dem Sohn. Alles wahr – und so lebendig inszeniert (Regie: Jennifer Whigham), dass das Publikum bald mitleidet.

Bis zu vier tote Tschetschenen

Schauspielerin Kornelia Lüdorff gibt Anna Politkowskaja mal kämpferisch, mal resigniert, mal rastlos, mal zynisch. Grossartig etwa ist der Dialog mit einem jungen Tschetschenien-Söldner. Lüdorff wechselt so überzeugend zwischen der harmlos nachfragenden Journalistin und dem unverblümt antwortenden Kämpfer, dass man den Soldaten förmlich vor sich sieht. Dass man erschaudert, als er erklärt, wie man am besten «die Norm» von drei bis vier toten Tschetschenen pro Tag erreicht.

Die Schlagzeilen zum Geiseldrama in einem Moskauer Musicaltheater von 2002 sind plötzlich wieder präsent, als Lüdorff in die Haut eines Geiselnehmers schlüpft. Er erklärt Politkowskaja, es gebe für Tschetschenien keine andere Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.

Russischer Frontalunterricht

Und dann tigert sie wieder in ihrem kargen Zimmer herum, wo es ausser Buchstaben keine Ablenkung gibt (Bühne: Janine Fischer). Versorgt sich mit Wasser aus dem Kanister. Verwandelt die einfachen Leinwandstellwände zu einem Bett. Nutzt sie zum Anpinnen von Artikeln, Karten, Bildern. Doziert etwas altklug zu russischer Geschichte und Geografie. Das ist jetzt Frontalunterricht – und der passt sehr gut zum russischen Regime. Auswendiglernen erwünscht, Zweifeln und Nachfragen nicht erlaubt. Heute mehr denn je.

Nächste Vorstellung:Mi, 18. 1., 19.30 Uhr, Vidmar 2. Bis 15. 2.

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