Eine Arbeit zwischen Trauer und Hoffnung

Bern

Die Seelsorge hilft den Flüchtlingen, sich mit ihren Schicksalen auseinanderzusetzen. Nicht alles ist dabei traurig, wie das Team der Seelsorge des Stadtberner Zieglerspitals weiss.

Die Arbeit gibt ihnen Kraft: Philipp Koenig, Beatrice Teuscher und Arcangelo Maira (von links).

Die Arbeit gibt ihnen Kraft: Philipp Koenig, Beatrice Teuscher und Arcangelo Maira (von links).

(Bild: Beat Mathys)

Sheila Matti

Normalerweise sitzen Beatrice Teuscher, Arcangelo Maira und Philipp Koenig nur selten gemeinsam in ihrem Büro im Untergeschoss des Zieglerspitals. Die meiste Zeit verbringen sie in den Gängen oder den Aufenthaltsräumen, sprechen Flüchtlinge an, erteilen spontanen Deutschunterricht oder spielen mit den Kindern. Die klassischen, tiefgründigen Zweiergespräche im Büro gäbe es zwar auch, diese finden aber auch während ausgiebigen Spaziergängen statt.

Seit September arbeiten die drei Seelsorger im Empfangs- und Verfahrenszentrum Zieglerspital in Bern, wo sie sich eine Hundertprozentstelle teilen. Im Zieglerspital gibt es aktuell 150 Betten für Asylsuchende. Für wie viele Menschen die drei zuständig sind, kann man nur schwer sagen: Die Anzahl an stationierten Flüchtlingen ändert sich beinahe jeden Tag. Menschen, mit denen man Gespräche geführt und gelacht hat, werden plötzlich verlegt. Wohin wissen die Seelsorger nur selten, und wenn, dann erfahren sie es durch die Flüchtlinge.

Das Kind starb auf der Flucht

Oft sind es harte Schicksale, mit denen die drei Seelsorger konfrontiert werden. Beispielsweise die Geschichte eines jungen Pärchens aus Zentralafrika: Die Frau wurde auf der Flucht schwanger, das Kind kam aber zu früh auf die Welt und starb kurz darauf. Eine Beerdigung gab es nicht, die Eltern hatten keine Möglichkeit, sich zu verabschieden. «Wir wollten ihnen helfen, diese Trauer zu gestalten», sagt Philipp Koenig und erzählt, wie er mit dem Pärchen auf den Schosshaldenfriedhof ging und auf dem Grabfeld für Frühgeburten eine Gedenkfeier abhielt. «Wir haben zusammen gebetet, und der Vater hat gesungen – es war sehr ergreifend.»

Solche Erlebnisse müsse man auch als Seelsorger verarbeiten, meint Beatrice Teuscher: «Einige Geschichten haben mich in meinen Träumen heimgesucht.» Doch es helfe, über die Schicksale zu reden und sich mit den Kollegen auszutauschen. Solche Gespräche finden nicht nur im Kreis der drei statt, sondern auch in der Supervision, also der Beratung durch Experten. Zudem treffen sich zweimal pro Jahr alle Schweizer Seelsorger – auch muslimische und jüdische.

Ausserdem gebe es nicht nur traurige Begegnungen, betont Teuscher: «Im Gegenteil – die Arbeit mit den Flüchtlingen gibt uns viel Kraft. Es ist faszinierend, wie viel Kraft diese Menschen mit sich bringen und wie viel Hoffnung sie trotz allem haben.»

Der gemeinnützige Gedanke

Neben ihrer Tätigkeit als Seelsorger sind alle drei in einem Pfarramt tätig: Beatrice Teuscher arbeitet für die Kirchgemeinde Frieden, Philipp Koenig für die Kirchgemeinde Bümpliz und ­Arcangelo Maira ist für die por­tugiesischsprechende römisch-katholische Gemeinde der Kantone Bern und Solothurn tätig.

Selbstverständlich nimmt der Glaube im Leben der Seelsorgenden eine wichtige Stellung ein. Aber die Mission des Christentums ist für sie nicht, die Menschen zu bekehren, sondern für alle, unabhängig der Religionszugehörigkeit, da zu sein. Und auch für die Flüchtlinge sei es nach der langen Reise meist zweitrangig, ob sie nun bei einem Imam oder einem Pfarrer Gehör finden.

Dass alle Religionen von den Seelsorgern gleichermassen akzeptiert und respektiert werden, zeigt sich einige Türen weiter: Hier haben die drei einen «Ort der Ruhe» für die Flüchtlinge eingerichtet. Das kleine Zimmer wirkt durch die hellen Farben einladend, am Boden liegt ein Gebetsteppich, und auf dem Bücherregal steht die Bibel direkt neben dem Koran.

Viel kleinere Dimensionen

Bevor Arcangelo Maira in die Schweiz kam, um für die portugiesischsprechende Gemeinde zu arbeiten, war er in vielen ­verschiedenen Ländern wie Deutschland, Italien oder in Afrika, in der Republik Mosambik, als Seelsorger tätig.

«In der Schweiz sind die Dimensionen viel kleiner», zieht Maira den Vergleich, «hier im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Bern haben wir bisher lediglich 150 Betten – in Italien und Afrika leben mehrere Tausend Menschen im selben Camp.» Ausserdem hätten die Flüchtlinge meist schon mehrere Stationen miterlebt, bevor sie überhaupt in die Schweiz kommen. «Oft haben sie deshalb auch kein Vertrauen mehr in die Institutionen.»

Dass die Menschen das Vertrauen ins Leben wieder gewinnen, sei eine der grössten Herausforderungen – dass die Seelsorge unabhängig ist, helfe dabei sehr. Zunehmend schwieriger könnte die Arbeit der Seelsorger werden, wenn das EVZ in ein Bundesasylzentrum umgewandelt wird. Die Bauarbeiten dafür sind bereits im Gange. Was es für die Seelsorge bedeutet, wenn die Bettenanzahl dann auf 350 steigt, ist noch offen.

Berner Zeitung

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