Bern

Einblick in die Berner App-Küche

BernDie Entwickler Roman Kasinski, Jonathan Gerber und Benjamin Freisberg haben die auf die Stadt Bern zugeschnittene soziale App Zedl entwickelt, mit der man Unbekannte ansprechen kann. Sie hoffen auf ein Stück Social-Media-Aufmerksamkeit. Ein brotloser Job?

Die drei Entwickler der Zedl-App: Benjamin Freisberg, Roman Kasinski und Jonathan Gerber (von links).

Die drei Entwickler der Zedl-App: Benjamin Freisberg, Roman Kasinski und Jonathan Gerber (von links). Bild: Christian Pfander

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Will man Start-up-Gefühle wecken, stellt man sich ein bestimmtes Ambiente vor: Ein spärlich möblierter Raum, darin ein grosser, schlichter Holztisch, der aus einem Apple-Shop stammen könnte, an ihm sitzen drei – genau: drei (siehe Kasten) – junge Leute, sehr lockerer Dresscode, mit guter Laune vor aufgeklappten hochleistungsfähigen Laptops.So weit haben die drei bärtigen Nerds der jungen Berner Firma Byrds & Bytes alles richtig gemacht.

Der Designer Roman Kasinski (29), der Archäologe Jonathan Gerber (30) und der Mathematiker Benjamin Freisberg (29) sitzen in ihrem Büro im städtischen Technopark Marzili an der Sandrainstrasse um den grossen Holztisch vor ihren Laptops. Es gibt Schorle, Energydrinks und Aufbruchstimmung. Lachend erinnern sie sich an die ersten Monate ihres Unternehmerdaseins am Küchentisch in der Wohnung Gerbers.

Jetzt, ungefähr ein Jahr nach der Firmengründung, kommt ihr erstes Produkt auf den Markt: eine App namens Zedl für das Smartphone, mit der sie ein ambitiöses Ziel haben. Sie wollen ein Stück der Aufmerksamkeit, die Bernerinnen und Berner mächtigen sozialen Plattformen wie Instagram, Whatsapp oder Snapchat widmen, auf ihre Mühlen lenken.

Hyperlokaler Austausch

Mit Zedl, das man gratis aus dem App-Store herunterlädt, kann man irgendwo in der Stadt Zettel hinterlassen, virtuelle Post-its, aber lesen können sie nur Leute, die mit ihrem Smartphone samt Zedl-App auch gerade dort sind oder später vorbeikommen. Das Kartendisplay zeigt an, wo man sich befindet und wo Zettel gepostet worden sind.

Salopp gesagt: Während Facebook oder Whatsapp die ortsunabhängige Kommunikation über die ganze Welt ermöglichen, bringt Zedl den hyperlokalen Austausch von Angesicht zu Angesicht aufs Smartphone. «Im Prinzip», sagt Roman Kasinski, «können über Zedl Menschen miteinander in Kontakt treten, die sich zwar nicht unbedingt kennen, sich aber tagtäglich im Bus, in der Beiz oder auf der Strasse begegnen.»

Muss man jetzt nicht einmal mehr den Blick vom Display heben, um die Person anzusprechen, die gerade neben einem sitzt? «Kein Problem, wenn Sie das so sehen», antwortet Jonathan Gerber. «Allerdings», fügt er an, «ist es eine kulturelle Tatsache, dass die meisten von uns ihr Smartphone ohnehin fast nie aus den Augen lassen.» Insofern sei ihre App nichts anderes als ein konsequentes Weitertreiben bereits bestehender sozialer Gewohnheiten ins Smartphone-Zeitalter.

Es sei ein Gerücht, dass die Leute in der Vor-Handy-Epoche ständig miteinander gesprochen haben sollen. Gerade in Bern sei man ja in der realen Welt seit je eher gehemmt, jemanden spontan und direkt anzusprechen. Diese innere Barriere helfe Zedl über das Smartphone aufzuweichen – wenn der Plan des Entwicklertrios aufgeht.

Theoretisch kann man Zedl-Zettel überall auf der Welt hinterlassen – lanciert haben sie ihre Macher nun aber erst einmal in der gehemmten Bundesstadt. Motiviert, mit Zedl zu kommunizieren, werden die User mittels Gaming-Funktionen. Wer aktiv ist, Zettel schreibt und bewertet, erarbeitet sich Punkte, die sich auf das Aussehen des persönlichen Bären auswirken. Angedacht sind auch Schnitzeljagden durch die Stadt mit kryptischen Zetteln.

«Intakte Marktchancen»

Allerdings fragt man sich, ob überhaupt noch jemand Zeit hat, sich mit einer zusätzlichen sozialen Plattform zu beschäftigen. Die Chancen seien gar nicht so klein, entgegnet Roman Kasinski. Durchschnittlich bewegten sich Smartphone-User auf sieben sozialen Plattformen parallel. «Die Jungen wollen immer wieder etwas Neues», sagt er, und deshalb sieht er für Zedl intakte Marktchancen.

Ungefähr ein Jahr Arbeit haben die drei Freunde von der Idee bis zu der vom Apple-Store akzeptierten App investiert – viel Konzeption, viel technische Tüftelei. «Wir haben alles an dieser App selber gemacht, und technisch betreten wir Neuland», sagt Benjamin Freisberg. Auch ans Verdienen dachten sie: Für User ist die App zwar gratis, Geld machen würden die Macher mit auf der App vorgesehenen Plakatflächen, die von lokalen Firmen für Werbezwecke gemietet werden können.

Wenn man mit der Zedl-App unterwegs ist, kann man Plakate aufploppen lassen – zum Beispiel mit der Speisekarte des nächstgelegenen Restaurants. Bereits etabliert haben die Zedl-Macher die Zusammenarbeit mit Kaloka, dem von der Post betriebenen Onlinemarktplatz für Lokalunternehmen.

Der Facebook-Mythos

Der grosse Mythos der App-Wirtschaft ist die Vorstellung, aus einer Küchentischidee eines kleinen Start-ups in Facebook-Manier ein Milliardengeschäft zu machen. Die Schweizer App-Entwickler-Szene bäckt kleinere Brötchen, wie die Studie «App Economy Schweiz» vor zwei Jahren zeigte. Oft kommen App-Entwickler trotz guten Ideen und grossem Know-how kaum in die Gewinnzone, der Glaube an das gesamtökonomische Potenzial der App-Wirtschaft sei in der Schweiz noch wenig verankert.

Dagegen treten jetzt auch die drei Zedl-Macher an. Sie haben alle Teilzeitanstellungen in ihren angestammten Berufen, ihr Dasein als Start-up-Unternehmer könnte man als aufwendiges Hobby bezeichnen, das sich oft bis in späte Stunden ausdehnt. Noch. Starten sie mit Zedl durch, sind sie bereit. Wenn Zedl floppt, ebenfalls. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.10.2017, 21:21 Uhr

Berns App-Macher

Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit im App-Geschäft ist scharf – selbst auf lokaler Ebene. Erst vor drei Wochen hat die im Breitenrain domizilierte Firma Meetfactory die Dating-App Meet auf den Markt geworfen (wir berichteten). Meet ist eine Datingapplikation ohne Chat-Funktion, sie soll, wie ihre Macher finden, zu digitalem Detox bei der Beziehungsanbahnung beitragen. Meet will, dass sich Leute real treffen, sobald sich auf der App über Profilbild und Beschreibung eine Anziehungskraft entwickelt. Man soll sich nicht zuvor chattend abtasten. Wie Zedl (siehe Haupttext) ist auch Meet ein Business für drei: Marcos Lopez, Tom Jonasse und Dominik Simecek haben die Dating-App entwickelt.

Das Gründerstadium längst verlassen hat die Berner Agentur Apps with love im Sulgenauquartier. Das Team umfasst 25 Personen, und die Firma macht auch bezüglich Unternehmenskultur von sich reden – etwa mit einem transparenten ­Lohnsystem. Zu den Produkten von Apps with love gehören etwa die Go!-App für das Taxigewerbe oder die Play-App der ­Migros. jsz

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