«Ein Wunder, gab es keine Toten»

Gürbetal

Vor 25 Jahren trat die Gürbe über die Ufer. Die Landwirte Rudolf Trachsel und Andreas Stucki erlebten damals die Flut – und haben heute unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Gürbe in Schach gehalten werden sollte.

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Johannes Reichen

Der 29.Juli 1990 brachte schönes Wetter ins Gürbetal. «Es war heiss und schwül», erinnert sich Rudolf Trachsel, «von einem Unwetter merkten wir nichts.» Doch der Blick in Richtung Südwesten zeigte ihm an jenem Sonntag, dass es im Gantrischgebiet brodelte. Er ahnte, was auf das Tal zukommen könnte. «Am Abend gingen wir schauen, wie die Gürbe kam. Und sie kam richtig.»

Zusammen mit seinem Bruder bewirtschaftet Trachsel zwei Betriebe. Heute lebt der 56-Jährige in Kaufdorf, vom Hof auf dem Hubel kann er hinunter aufs Gürbetal blicken. 1990 wohnte er in Lohnstorf. Er war dort auch in der Feuerwehr tätig. «Wir alarmierten die Feuerwehren weiter unten im Tal. Doch sie glaubten uns nicht.»

20 Meter lange Tannen

Ein paar Kilometer gürbeabwärts musste Andreas Stucki am Abend glauben, was er sah: «Eine Walze.» Auch er ist Landwirt, war damals Feuerwehrmann in Toffen. Heute wohnt er im Talgut bei Belp, wenige Meter neben der Gürbe. «Eine meterhohe Walze.» Das Gewitter am Gantrisch hatte aus der Gürbe einen reissenden Fluss gemacht.

«Das Wasser riss 20 Meter lange Tannen mit», sagt Stucki. Sie verstopften die Bahnhofbrücke, sodass sich das Wasser seinen Weg durchs Wohn- und Industriequartier bahnte. «Die Stämme wurden um die Häuser getrieben», sagt der 52-Jährige. «Ein Wunder, gab es keine Toten.»

«Unglaublich viel Holz»

25 Jahre sind seither vergangen. «Es hätte noch schlimmer kommen können», sagt Trachsel. Denn das Gewitter entlud sich nicht nur im Einzugsgebiet der Gürbe, sondern auch im Einzugsgebiet der Sense. «Es fehlte wenig, und es wäre noch mehr Wasser in die Gürbe geflossen.»

Die Bewohner waren lange mit Aufräumarbeiten beschäftigt. «Es lag unglaublich viel Holz herum», sagt der Kaufdorfer Landwirt. Das Wichtigste sei gewesen, das Gerinne wieder zu öffnen. Erst nach zwei Wochen kehrte langsam wieder Normalität ein.

Immer wieder Hochwasser

Als Stucki am Morgen des 30.Juli die Verwüstung in Toffen sah, «da kamen mir die Tränen». Und doch: Das Unwetter von 1990 sei nicht das schwerste Ereignis gewesen. «Im Talgut ist es seither immer wieder zu Überschwemmungen mit schlimmeren Folgen gekommen.» Besonders das letzte Jahr vergisst er nicht. Viermal lag Wasser auf den Feldern, viermal musste die Feuerwehr einspringen.

Selbst wenn das Gürbewasser bei starkem Regen nicht über die Ufer tritt, kommt es zu einem Stau in der Entwässerung und zu Landüberflutungen. «Ich hatte Einbussen von 100'000 Franken», sagt Stucki. Nur ein Fünftel davon habe die Hagelversicherung übernommen. Jetzt wird er nervös, wenn Wolken aufziehen.

«Wir müssen damit leben»

Zurück in Kaufdorf, wo Rudolf Trachsel sagt: «Wir müssen damit leben, dass die Gürbe ab und zu über die Ufer tritt.» Dabei müsse man die Verhältnisse im Auge behalten. Doch werden grosse Anstrengungen unternommen, um die Gürbe in Schach zu halten: 13,75 Millionen Franken will jetzt der Wasserbauverband untere Gürbe und Müsche mit Bund, Kanton und Gemeinden für ein Schutzprojekt ausgeben. Die Gürbe soll verbreitert und renaturiert werden. Zentral sind Ausleitungen bei Burgistein und Toffen: Im Extremfall würde das Wasser auf Landwirtschaftsland geleitet, auch beim Talgut. «So könnten wir die Spitzen brechen», sagt Trachsel, der im Vorstand des Wasserbauverbandes sitzt. Bis zu 400 Hektaren würden so geflutet. «Aber natürlich ist es für jene Bauern schlimm, die es trifft.» Es gehe darum, Menschen und Gebäude zu schützen.

«Die Gürbe ist ein Kanal»

Betroffene Landwirte sollen bei Hochwasser entschädigt werden. Stucki kritisiert, dass bis heute keine Vereinbarung für Entschädigungen präsentiert wurde. «Ich habe auch Mühe damit, dass man das halbe Gürbetal unter Wasser setzen will.» Denn was viele vergessen würden: «Die Gürbe wurde vor 150 Jahren als Entwässerungskanal gebaut.» Von einer Renaturierung hält er nichts – auch wenn das schöner aussehe. Bei einem Spaziergang zeigt er, wie Schilf am Ufer wächst und sich Sandhaufen türmen. Stucki plädiert dafür, den Bach auszubaggern und dem Wasser genug Platz zu geben. So blieben die Entwässerungsleitungen funktionstüchtig.

«Gut für den Boden»

Im Gürbetal, sagt Rudolf Trachsel, habe es schon immer Überschwemmungen gegeben. Dies zeigten die Schichten des Bodens: Lagen aus verrotteten Pflanzen wechselten sich mit Sand und Kies der Hochwasser ab. «Das sorgt für guten Boden.» Doch Andreas Stucki hat genug vom Wasser. Zudem verursache die sommerliche Hitze Risse in der Erde, mache sie durchlässig für Regen. «Der lehmige Boden erträgt eine Trockenperiode ganz gut.»

Berner Zeitung

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