Ein Wärmeverbund sorgt für hitzige Gemüter

Hinterkappelen

Stockwerkeigentümer in Hinterkappelen zweifeln die Rechtmässigkeit der neuen Planungszone im Kappelenring an. Der Gemeinderat Wohlen muss wegen ­möglicher Wettbewerbs­verzerrung Kritik einstecken.

Der Kappelenring als kompakte Überbauung ist prädestiniert für einen Wärmeverbund.<p class='credit'>(Bild: Stefan Anderegg)</p>

Der Kappelenring als kompakte Überbauung ist prädestiniert für einen Wärmeverbund.

(Bild: Stefan Anderegg)

Steckt das Pionierprojekt Wärmeverbund Kappelenring in der Sackgasse und braucht tatkräftige Unterstützung durch die Politik? So jedenfalls interpretieren es Personen, die dem Vorhaben von Energie 360° kritisch gegenüberstehen. Denn der Gemeinderat Wohlen hat Ende Juni eine Planungszone für den Kappelenring erlassen, die dem Zürcher Unternehmen in die Hände spielt. Es dürfen keine neuen Öl- oder Holzheizungen mehr installiert werden. Ein paar Tage später teilte der Gemeinderat mit, dass die Gemeinde in ein paar Jahren ebenfalls das Feuerwehrmagazin an den Wärmeverbund anschliessen wolle.

Letzte Woche äusserte ein Anwohner in einem Leserbrief in dieser Zeitung seinen Unmut. Die Liegenschaftsbesitzer und Stockwerkeigentümer würden quasi gezwungen, einen Anschlussvertrag mit Energie 360° zu unterschreiben – für 30 Jahre, koste es, was es wolle. Denn die Rendite für die Zürcher müsse am Schluss stimmen.

Abbruch «unwahrscheinlich»

Fakt ist: Energie 360° hat den definitiven Startschuss noch nicht gegeben. Der Bauentscheid soll noch in diesem Herbst gefällt werden, schreibt das Unternehmen auf Anfrage. man stehe nach wie vor voll und ganz hinter dem Projekt. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es «sehr unwahrscheinlich», dass das Vorhaben fallen gelassen werde. Die Planungsarbeiten sind weit fortgeschritten. Energie 360° rechnet mit einer Einreichung des Baugesuchs «in den nächsten Monaten». Ziel sei es, die ersten Kunden auf die Heizperiode 2018/2019 mit Wärme zu versorgen.

Noch sind zu wenig Abnahmeverträge unterschrieben. Erst bei einer gesicherten Zusage von 3260 kW wird die erste Bauetappe ausgelöst. Gemäss aktuellem Stand sind es rund 70 Prozent. Für weitere gut 10 Prozent liegen Zusicherungen vor. Fast 90 Prozent aller Verträge stammen laut dem Energieunternehmen von Privaten, 10 Prozent von der öffentlichen Hand.

Neue Vorschriften angedacht

Wohlens Gemeindepräsident Bänz Müller (SP plus) ist sich bewusst, dass die Planungszone als Hilfe für das Projekt von Energie 360°, das die Energie aus See­wasser gewinnt, ausgelegt werden kann. Aber Hintergrund sei das neue Baureglement, das zurzeit revidiert werde, auch auf der Basis des kommunalen Energierichtplans, betont Müller. Darin ist vorgesehen, für den Kappelenring Energievorschriften zu erlassen, im Interesse der Umwelt und des Klimas.

Mit dieser Planungszone dürfen in den betroffenen Liegenschaften ab sofort keine neuen Öl- oder Holzheizungen mehr eingebaut werden. Ausser es sind bereits rechtskräftige Verträge vorhanden. «Wir möchten verhindern, dass noch schnell Heizungen eingebaut werden, welche unseren Bestrebungen im Energiebereich entgegenlaufen», sagt Bänz Müller. Den Entscheid zum Feuerwehrmagazin begründet Müller damit, dass sich die Bewohner der vorderen Aumatt überlegen, sich dem Wärmeverbund anzuschliessen. Damit würde sich der Leitungsbau eher rentieren, wenn weitere Gebäude angehängt würden.

Die grösste Stockwerkeigen­tümergemeinschaft 38/50/52 hat nach einer aufwendigen Evaluation entschieden, die alte Heizung durch eine Kombination Öl/Sonnenkollektoren zu ersetzen, die Planung ist weit fortgeschritten. Die Lösung von Energie 360° schnitt preislich markant schlechter ab. Darf sie diese rechtskräftige Variante noch umsetzen, auch wenn noch kein Vertrag vorliegt? Gemeindepräsident Müller ist der Ansicht, dass sich diese Lösung wegen der Planungszone nicht mehr realisieren lässt. Angesichts der Skepsis im Quartier gegenüber dem Wärmeverbund rechnet er mit Einsprachen und dass sich noch die Juristen damit beschäftigen müssen. Einsprachen gegen die Planungszone, so Bänz Müller, hätten keine aufschiebende Wirkung.

Vorschriften missbraucht?

In einer Mail an die Redaktion erwähnt ein Stockwerkeigentümer sogar die Möglichkeit, strafrechtlich gegen die Planungszone vorzugehen. Die neuen Vorschriften würden eventuell missbraucht, anderen – sprich Energie 360° – wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen und eigenständige Lösungen zu blockieren. Begründung, Zeitpunkt und Vorgehensweise seien Indizien dafür. Unter dem Image der umweltschonenden Energiepolitik würde Zwang ausgeübt.

Am Schluss fragt der Leserbriefschreiber, was wohl passiere, falls sich das Zürcher Projekt «Wärme aus dem Wohlensee» trotz Planungszone in heisser Luft auflöst? Sollte dieser Fall «wider Erwarten» eintreten, schreibt Energie 360°, müssten die Hauseigentümer ein anderes Heizsystem realisieren.

Berner Zeitung

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