Ein Studium in Sozialer Arbeit zahlt sich aus

Soziale Arbeit hat den Ruf, ein Studium für Idealisten, Wohltäter und Weltverbesserer zu sein. Aber: Keine Branche hat derzeit rosigere Zukunftsaussichten als das Sozialwesen.

Zwischen 292'000 und 343'000 Vollzeitstellen sollen 2030 im Schweizer Sozialwesen existieren, je nach Prognose.


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Der Vorlesungssaal im Berner Länggassquartier beginnt sich langsam zu leeren. Der Infonachmittag zum Studiengang Soziale Arbeit ist vorbei. Auch Fabienne, Larissa und Salome packen ihre Sachen zusammen. Gut möglich, dass die drei jungen Frauen ab Sommer noch viel mehr Zeit gemeinsam verbringen werden. Bis Ende Februar müssen sie sich entscheiden, ob sie sich fürs ­kommende Herbstsemester einschreiben wollen.

Für Fabienne wäre es nicht das erste Studium. Sie hat bereits einen Abschluss in Wirtschaft und Soziologie. «Mit diesem Studium stehen mir vor allem Stellen offen, bei denen ich kaum je direkt mit Menschen zu tun hätte», sagt sie. Aber genau das wünscht sie sich für ihre berufliche Zukunft: weniger Theorie, mehr Praxis.

So auch Larissa. Sie studiert derzeit an der Pädagogischen Hochschule und betreut nebenbei an der Blindenschule Zollikofen Kinder als Nachtwache. «Sich um diese Kinder zu kümmern und ihnen Sicherheit zu geben, gibt mir extrem viel zurück», sagt sie. So viel, dass sie sich nun überlegt, das Studium zu wechseln.

Beruflich mit Kindern arbeiten will dereinst auch Salome. «Am liebsten in der Heilpädagogik.» Sie schloss im Sommer die Fachmittelschule ab. Seither ist sie am Jobben und leistet Freiwilligenarbeit in der Pfadi.

Der Sinn steht vor dem Geld

Es sind drei Beispiele. Aber sie stehen stellvertretend für viele der rund 60 Interessierten, die an diesem Nachmittag den Weg ins Berner Länggassquartier gefunden haben. Positive Erfahrungen aus sozialen Engagements, moralische und ethische Überzeugungen, Interesse an Menschen und ihrem Zusammenleben: Diese Punkte zählt auch die Berner Fachhochschule auf, wenn sie auf die Motivation ihrer Studierenden angesprochen wird. Brigitte Pfister, Leiterin Kommunikation des Departements Wirtschaft, Gesundheit und Soziale Arbeit, betont aber, dass dies nur Einschätzungen sind. «Aktuelle empirische Erkenntnisse liegen uns keine vor.»

Dass junge Menschen wieder vermehrt nach dem Sinn einer Arbeit fragen als nach deren Bezahlung, liegt zwar durchaus im Trend. Trotzdem: Wer beispielsweise eine Präsentation zu einem Betriebswirtschaftstudium besucht, sieht mindestens eine Folie, die zeigt, wie viel ein Abgänger nach dem Studium etwa verdient.

Auf diese Folie wartet man bei der Präsentation zur Sozialen Arbeit vergebens. «Lohnfragen werden tatsächlich wenig diskutiert», sagt Brigitte Pfister. Auch Dinge wie Jobsicherheit oder Karrieremöglichkeiten seien erst während des Studiums ein Thema. «Über die Hintergründe dazu lässt sich nur mutmassen», sagt Pfister. Dabei wären die Aussichten in all diesen Punkten durchs Band positiv.

Sozialarbeiter verdienen gut

Gemäss der aktuellsten Lohnstudie der Schweizer Fachhochschulen verdient ein Inhaber eines Bachelordiploms in Sozialer Arbeit durchschnittlich 88'750 Franken im Jahr. Jemand mit einem Masterabschluss gar 110'800 Franken. Zum Vergleich: Andere ­Bachelorstudiengänge – Design (53'000 Franken), Architektur (80'950 Franken), Bauingenieurwesen (85'500 Franken), Agronomie (85'714 Franken) – schneiden in dieser Statistik schlechter ab. Selbst Betriebswirtschafter übertreffen die Sozialarbeiter nur bei entsprechender Kaderposition.

Zudem haben sie auf dem Arbeitsmarkt deutlich mehr Mühe, eine Stelle zu finden. 2013 gaben 4,4 Prozent der Absolventen eines FH-Wirtschaftsstudiums an, ein Jahr nach Abschluss noch immer auf Jobsuche zu sein. Bei den Absolventen des Studiengangs Soziale Arbeit war diese Zahl mit 2,1 Prozent nicht einmal halb so hoch.

Diese Schere könnte noch weiter aufgehen. Die Digitalisierung droht derzeit ganze Berufsfelder wegzufegen. Auch Jobs für Hochqualifizierte sind in Gefahr. Dies zum Beispiel bei Banken, Versicherungen oder im Treuhandbereich. Das Sozialwesen muss sich diesbezüglich weniger Sorgen machen. Das zeigt eine im Herbst veröffentlichte Studie.

Verfasst wurde die Studie im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen von der Basler Beratungsfirma BSS AG. Die Basler Forscher untersuchten die Entwicklungen im Sozialbereich der letzten knapp 20 Jahre. Ihr Fazit: Das Sozialwesen erlebt seit Jahren eine Boomphase (siehe Grafiken). Zwischen 2005 und 2013 wuchs die Zahl der Vollzeitstellen im Sozialbereich jedes Jahr um durchschnittlich 3,2 Prozent.

Dieses Wachstum dürfte weitergehen. Wie stark, das hängt von drei Faktoren ab: Bevölkerungsentwicklung, Erwerbsquote von Müttern sowie die jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts. Je höher die Wachstumsquoten dieser drei Bereiche, desto mehr Sozialarbeiter werden nötig.

Es gibt Stimmen, welche diese Entwicklungen kritisch sehen. Schliesslich gehen die Kosten im Sozialbereich vor allem zulasten der Steuerzahler. Fakt ist aber: Aus Gründen wie Jobsicherheit, Verdienst- und Karrierechancen ergibt es aus Eigenperspektive durchaus Sinn, ein Studium in Sozialer Arbeit in Betracht zu ­ziehen.

Darauf angesprochen, reagieren die drei eingangs erwähnten Frauen aber gelassen. «Ich glaube, wenn ich mich für etwas wirklich interessiere und engagiere, ergeben sich diese Sachen sowieso automatisch», sagt La­rissa. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.02.2017, 06:10 Uhr

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