Berner Firmen schicken Lernende in Knigge-Kurse

Im Knigge-Kurs in Bern bringen Linda Hunziker und Susanne Schwarz Lernenden bei, wie sie sich im Berufsleben richtig benehmen. Die Nachfrage vonseiten der Lehrbetriebe sei enorm.

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Ein Lernender trifft beim Stadtbummel mit seiner Mutter seine Chefin. Er grüsst höflich und stellt die beiden Frauen einander vor. Kann man bei dieser alltäg­lichen, geradezu banalen Begegnung etwas falsch machen?

Im Knigge-Kurs für Lernende in Bern wird klar: Ja, man kann – sogar jede Menge. Denn hinter der alltäglichen Interaktion wirken zahlreiche Verhaltens- und Anstandsregeln: Die hierarchisch tiefergestellte Person, in diesem Fall der Lernende, soll die Vorgesetzte zuerst grüssen.

Das Händeschütteln wird hingegen von der hierarchisch höhergestellten Person, in diesem Fall der Chefin, initiiert. Danach wird die fremde Person, in diesem Fall die Mutter, der Chefin mit Vor- und Zunamen vorgestellt – sodass die hierarchisch höhergestellte Chefin weiss, wen sie vor sich hat.

«Bei Benimmregeln geht es darum, dem Gegenüber Respekt auszudrücken und sich auf Augenhöhe zu begegnen.»Susanne Schwarz, Kursleiterin

Wer nun denkt, dass Freiherr Adolph von Knigge, Verfasser des Buches «Über den Umgang mit Menschen» und damit gewissermassen Vater der guten Umgangsformen, seit 222 Jahren tot ist und derart komplizierte Anstands­regeln damit Schnee von gestern sind, dem widersprechen die Kursleiterinnen Linda Hunziker und Susanne Schwarz: «Bei Benimmregeln geht es darum, dem Gegenüber Respekt auszu­drücken und sich auf Augenhöhe zu begegnen», erklärt Schwarz.

Das zeige das Beispiel mit der Serviette, ergänzt Hunziker: «Die Serviette wird so gefaltet, dass das Servicepersonal nicht die schmutzige Serviette anfassen muss.»

Konflikte in der Lehre

Anfang August veranstalten Schwarz und Hunziker jeweils Kurse für Lernende. Die Nach­frage vonseiten der Lehrbetriebe, die ihre neuen Schützlinge anmelden, sei enorm. «Vom Carros­seriespengler über Informatikerinnen bis zu KV-Stiften ist alles dabei», sagt Schwarz.

Schwarz und Hunziker arbeiteten beide in der Berufs- und Laufbahnberatung. Dort fiel ihnen auf, wie oft fehlendes Wissen über angebrachtes Verhalten in der Erwachsenenwelt zu Konflikten während der Lehre führte. «Intellektuelle und fachspezifische Fähigkeiten sind eben nur eine Seite, vermehrt sind auch Soft Skills gefordert», sagt Hunziker. «Bei uns dreht sich alles um Soziales und Zwischenmensch­liches.»

In der stickig heissen Gibb, der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern, lernen rund zwanzig Lernende im ersten Lehrjahr, was Körpersprache mitteilt.

Mit einem Schauspieler und einer Schauspielerin entwickeln sie neben surrenden Ventilatoren kurze Sketches, die zeigen, wie man sich richtig begrüsst oder wie man sich im Meeting verhält, ohne seine Kolleginnen und Kollegen dabei vor den Kopf zu stossen. «Wenn man weiss, wie man sich in einer Situation angemessen verhält, fühlt man sich selbstsicherer und wirkt souverän», fügt Linda Hunziker an.

Eine Gruppe hat sich den guten Manieren zu Tische gewidmet und erklärt, dass man das Besteck in der Reihenfolge von aussen nach innen benutzt und, um das Getränk nicht zu erwärmen, die Gläser stets am Stiel halten soll. Am Mittag werden sie das Gelernte bei einem Lunch im Restaurant anwenden.

Thema sind jedoch nicht nur klassische Benimm- und Verhaltensregeln, sondern auch Ängste, Herausforderungen und Rechte der jungen Berufsleute. Schwarz und Hunziker sind sich einig, dass die Umstellung von der obligatorischen Schule zur Lehre eine beachtliche ist.

Das bestätigen drei in ihrer Ausbildung fortgeschrittene Lernende: Vor allem Eigenverantwortung habe er gelernt, erzählt der angehende Kaufmann Fisnik Hasani. Alle drei betonen, dass sie zu Beginn der Lehre deutlich mehr hätten lernen müssen als noch in der Schule – und regelmässiges Wiederholen des Stoffes von Beginn an unerlässlich sei.

Kulturelle Vielfalt

Interessant sei auch die kulturelle Vielfalt in den Kursen, findet Hunziker. «Wir lehren den europäischen Knigge, in anderen Kulturen gelten andere Normen und Regeln.» Schwarz berichtet von einem jungen Mann aus Eritrea, der erzählte, in seiner Kultur gelte es als ausgesprochen unhöflich, sich bei Begrüssungen in die Augen zu schauen – ein Verhalten, das bei uns als anständig gilt.

Dass Jugendliche heute weniger anständig sind, glauben Schwarz und Hunziker nicht. «Die Lernenden in unseren Kursen gehen ausgesprochen sorgsam miteinander um», betont Schwarz. Und das ist ja wohl die Grundlage guten Benehmens. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.08.2018, 10:30 Uhr

Zu den Personen

Die Knigge-Kurse seien ihre Leidenschaft, sagen Linda Hunziker (34) und Susanne Schwarz (56). Schwarz startete ihre berufliche Laufbahn als Pflegefachfrau, war später Helikopterpilotin in San Francisco. Hunziker studierte Psychologie. Beide sind sie diplomierte Berufs- und Laufbahnberaterinnen.

Dort merkten sie, dass Informationen zu Auftreten und Benehmen in der Berufswelt «ein Bedürfnis von der Wirtschaft, aber auch von Eltern und Lernenden» ist. Schwarz und Hunziker liessen sich zu Knigge-Trainerinnen ausbilden und begannen, Knigge-Kurse für Lernende, Erwachsene und Firmen anzubieten. 2017 machten sie sich mit dem Unternehmen h + s knigge selbstständig.

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