Ein Solarpionier fängt neu an

Während Meyer Burger die Produktion einstellt, will Patrick Hofer-Noser einen Teil davon retten. Er erklärt, wie er mit hier hergestellten Solardach- und Fassadensystemen gegen die Konkurrenz aus China bestehen will.

Solardächer aus Thun: Patrick Hofer-Noser will mit seiner neuen Firma 3S Solar Plus etwas weiterführen, was Meyer Burger aufgibt.

Solardächer aus Thun: Patrick Hofer-Noser will mit seiner neuen Firma 3S Solar Plus etwas weiterführen, was Meyer Burger aufgibt. Bild: Christian Pfander

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Patrick Hofer-Noser ist ein Solarpionier. Er ist seit 25 Jahren in der Branche tätig. Zu Rückschlägen sagt er, dass diese auch Chancen eröffneten. Jetzt, nachdem das grösste Schweizer Solarunternehmen Meyer Burger die Produktion in Thun einstellt, wagt er wieder einen Neuanfang.

Hofer-Noser übernimmt von den Thunern ein Geschäft, das er ihnen 2010 verkauft hatte: Solar­anlagen, die sich direkt in Dächer und Fassaden verbauen lassen. Das Solarmodul ersetzt hier den Ziegel respektive die Fassadenverkleidung.Der 52-Jährige kommt mit vielen Unterlagen über das Solargeschäft zum Gespräch und gibt auf jede Frage eine fundierte Antwort.

Er könnte auch einfach als Berater für Energiewende und Gebäudesanierungen tätig sein. «Aber ich bin eben gerne Unternehmer», sagt Hofer-Noser. Er sieht für in der Schweiz hergestellte Solarsysteme weiterhin viel Potenzial.

Jungunternehmen statt ABB

Bereits 1992 nach dem UNO-Umweltgipfel in Rio de Janeiro setzte er auf erneuerbare Energien. «Mein Antrieb ist, für unsere Kinder eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Ich will Gutes tun und dabei Geld verdienen», sagt Hofer-Noser.

In Bern aufgewachsen, ging er nach der Gewerbeschule und dem Studium der Leistungselektronik an der ETH Zürich nicht zum grossen Elek­trotechnikkonzern ABB. Sondern er heuerte bei der Berner Jungfirma Atlantis Energie an.

Atlantis Energie ist ein Beispiel für den regelmässigen Umbruch im Berufsleben von Hofer-Noser. Anfang 2001 feierte sie noch die Fertigstellung der damals «weltweit grössten Solarhausfassade» an einem Hochhaus in Bern-Wittigkofen. Wenig später musste Atlantis Energie nach hohen Verlusten Konkurs anmelden.

Patrick Hofer-Noser machte einen Neuanfang und gründete die Solarfirma 3S Swiss Solar Systems in Bern. «Die Vision waren gebäudeintegrierte Solaranlagen», sagt der ehemalige 3S-Chef. Zuerst stellte die Firma solche Anlagen her, dann verkaufte sie von Lyss aus vor allem die Maschinen dafür.

Einige Käufer von Maschinen machten es aber zur Bedingung, dass 3S selber nur noch in der Schweiz Solaranlagen anbietet und im Ausland keine Konkurrenz macht. So blieb dieses Geschäft ein Nischenangebot von 3S. Es diente vor allem dazu, zu präsentieren, was sich mit den Maschinen herstellen lässt.

3S wurde eine Erfolgsgeschichte. Die Investmentgesellschaft New Value stieg als bedeutender Aktionär ein, und 3S ging an die Börse. Dann zeigten sich 2009 im Maschinenbereich Überkapazitäten, vor allem weil China den Aufbau einer heimischen Branche massiv vorantrieb.

«Wer heute ein Dach neu erstellt und keine Solar­anlage einbaut, macht einen Fehler.»Patrick Hofer-Noser

Meyer Burger suchte in diesem Umfeld einen Hersteller von Produktionsanlagen für Solarmodule, um das Angebot zu vervollständigen. Denn gross geworden waren die Thuner mit Sägen für Silizium.

Mit 3S im Jahr 2010 und der deutschen Firma Roth & Rau ein Jahr später wurde die Wertschöpfungskette von Meyer Burger komplett. Sie reichte von Maschinen zur Herstellung von Siliziumscheiben, der Grundlage für Solarzellen, bis hin zu fertigen Solaranlagen.

«Fusion war kein Fehler»

Der Solarmarkt brach dann aber zusammen, und Meyer Burger fiel in eine Krise. Die Aktien von Meyer Burger, die 3S-Teilhaber wie Hofer-Noser bei der Fusion im Tausch erhalten hatten, verloren stark an Wert.

2013 schloss die Gruppe das Werk in Lyss und bot den 130 Mitarbeitenden den Umzug nach Thun an. Dass 3S und Meyer Burger fusionierten, sei kein Fehler gewesen, sagt ­Hofer-Noser. «Wenn man die Wertschöpfungskette nicht vervollständigt hätte, gäbe es Meyer Burger wohl nicht mehr.»

Hofer-Noser wurde bei Meyer Burger Technologiechef und Mitglied der Geschäftsleitung. Von April 2012 bis April 2017 war er Leiter der Sparte Energiesysteme und dann bis Ende 2017 noch «Policy Liaison Officer», also Lobbyist. Und er präsidierte die Exportplattform Cleantech Switzerland.

Die Produktion von Solardach- und Fassadensystemen für die Schweiz ist in Thun verblieben. Jetzt, da das Aus drohte, erwirbt Hofer-Noser dieses Nischengeschäft mit noch 32 Mitarbeitenden für einen erneuten Neustart. Er gründet die Firma 3S Solar Plus. Denn mit der Marke 3S fühlen sich noch viele Kunden und Installateure verbunden.

Zum Kaufpreis haben Hofer-Noser und Meyer Burger Stillschweigen vereinbart. Es gab laut mehreren Quellen andere Interessenten. Hofer-Noser erhielt den Zuschlag, und Meyer Burger verbucht einen Verlust in kleiner einstelliger Millionenhöhe. Das heisst wohl, der Kaufpreis deckt den Bilanzwert nicht, aber ein totales Herunterfahren wäre teurer gewesen.

Den Kauf finanziert Hofer-Noser vollständig mit Eigenkapital. Ob er Geldgeber im Rücken hat, lässt er offen. Aber es gebe Interessenten, die sich beteiligen möchten. Bis Ende 2019 kann 3S bei Meyer Burger in Thun eingemietet bleiben. Gesucht ist ein Standort in der Umgebung.

Ästhetischer als China-Ware

Warum sieht er eine Chance neben den chinesischen Anbietern? «China setzt auf Solarkraftwerke und Standardmodule für grosse Dächer aus Massenproduktion», sagt Hofer-Noser. «Wir bieten ästhetische, unterhaltsfreie Solardächer und -fassaden für das Gebäude. Dies kann man nicht mit den gerahmten chinesischen Modulen machen. Zudem sind die Baunormen von Land zu Land verschieden.»

Eine verbliebene Konkurrentin in der Schweiz ist Megasol aus Deitingen SO. Hofer-Noser sieht viel Potenzial für beide: Auf erst 2,5 Prozent der Dächer hierzulande gebe es eine Solaranlage. Aber wer heute ein Dach neu erstellt und keine Solaranlage einbaut, macht laut Hofer-Noser einen Fehler.

Schon nach neun Jahren rechne sich die Investition. «Der Markt ist hervorragend und fragt immer mehr nach unseren Produkten», sagt der Solarpionier. Es würde aber über­raschen, wenn es nun ohne Rückschläge ginge. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 20:43 Uhr

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