Moosseedorf

Ein Schulterklopfen, aber kein Geld

MoosseedorfFreiwillige erteilen in Moosseedorf Asylsuchenden Deutsch, damit diese Sprachzertifikate erlangen können. Der Kanton beteiligt sich nicht an den Material- und Prüfungskosten – für den Verantwortlichen unverständlich.

Freiwillige erteilen in Moosseedorf Asylsuchenden Deutsch, damit diese Sprachzertifikate erlangen können. Der Kanton beteiligt sich nicht an den Material- und Prüfungskosten – für den Verantwortlichen unverständlich.

Freiwillige erteilen in Moosseedorf Asylsuchenden Deutsch, damit diese Sprachzertifikate erlangen können. Der Kanton beteiligt sich nicht an den Material- und Prüfungskosten – für den Verantwortlichen unverständlich. Bild: Stefan Anderegg

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Roland Glauser fragt, wie spät es ist. Er will es genau wissen. Denn soeben stellt ein junger Mann vor dem Kirchgemeindehaus Moosseedorf sein Velo ab. In zwei Minuten beginnt der Deutschkurs. «Wir dulden keine Verspätungen», sagt Glauser, der von der Gemeinde Beauftragte für Freiwilligenarbeit im Asylwesen. Denn die Teilnehmenden am Sprachkurs haben ein Ziel vor Augen: das ihrem Niveau entsprechende europäische Zertifikat in einem offiziellen Prüfungszentrum zu erlangen.

Viel Grammatik

Pünktlich um halb zehn Uhr beginnt der Unterricht. Die knapp 20 Teilnehmenden erhalten zuerst Informationen, dann teilen sie sich in zwei Gruppen auf. Die A2-Gruppe löst Aufgaben zum Themenbereich Körper und Gesundheit. Bei den Fortgeschrittenen muss sich jeder kurz vorstellen mit Namen, Alter, Herkunft oder Hobbys. Es folgen Grammatikübungen und Lesestrategien für schwierige Texte. Die persönliche Präsentation ist in ein paar Wochen Teil der Sprachprüfung auf dem Niveau B1. Im letzten Jahr haben alle 15 Personen bestanden, welche Prüfungen absolviert haben. Darauf ist Roland Glauser stolz.

Das Angebot wurde im letzten Jahr innerhalb von wenigen ­Wochen ins Leben gerufen. Als ­«Pilotprojekt», ergänzt Glauser. Auslöser war der Fakt, dass der Grossteil der Asylsuchenden und Flüchtlinge Sozialhilfe beziehen, oft seit Jahren. Deshalb wurde er bei der Gemeinde vorstellig, die Moosseedorf zugewiesenen Asylsuchenden sofort zu unterrichten, damit sie in der neuen Umgebung Fuss besser fassen können. Der Gemeinderat Moosseedorf sprach in der Folge einen Kredit von 6000 Franken. Die Kirchgemeinde stellt die Räume zur Verfügung. Geleitet wird das Projekt von einer pensionierten Berufsschullehrerin.

Hohe Disziplin verlangt

In seiner Evaluation über das Pilotjahr zieht Roland Glauser ein positives Fazit: «Es ist möglich, mit freiwilligen Helferinnen und Helfern in relativ kurzer Zeit Asylsuchende zu einem europäisch anerkannten Zertifikat zu führen.» Eckpunkte seien eine grosse Durchlässigkeit innerhalb des Kurses, weil es häufige Wechsel bei den Teilnehmenden gibt. Gefordert sind Disziplin und Lernbereitschaft. So wurden einzelne Teilnehmer zuerst verwarnt und später ausgeschlossen.

Nach den positiven Erfahrungen in der Pilotphase wird das Angebot weitergeführt. Im Frühling und Sommer sollen die ersten Teilnehmenden die Prüfung auf Niveau B1 absolvieren. Hier hält Glauser kurz inne. Denn die Kosten sind noch nicht gedeckt. Der Gemeinderat hat 1000 Franken für Lehrmittel und Kopien gesprochen. Noch keine Zusagen hat Glauser für die Prüfungsgebühren und die Transportkosten. Denn das Angebot in Moosseedorf hat sich herumgesprochen, und auswärtige Asylsuchende besuchen die Sprachkurse.

Roland Glauser klopfte beim Kanton Bern an, ob dieser die Prüfungsgebühren und Transportkosten für maximal 5000 Franken übernehmen würde. «Das wäre für den Kanton eine gute Investition», ist Glauser überzeugt. Die Kurse würden den Empfehlungen der Skos entsprechen, damit zu beginnen, bevor ein Asylentscheid vorliegt. Teilnehmende hätten mit den drei Halbtagen Unterricht pro Wochen zudem eine fixe Struktur, die ihnen Halt gibt.

Keine gesetzliche Grundlage

Die Hoffnungen waren umsonst. Es stehe kein Geld für derartige ausserordentliche Ausgaben zur Verfügung, beschied ihm das Amt für Migration und Personenstand (MIP). Man schätze das «grosse Engagement in Moosseedorf ungemein», ergänzt das MIP auf Nachfrage dieser Zeitung. Aber der Kanton habe weder einen gesetzlichen Auftrag noch die Mittel, solche Sprachkurse zu finanzieren. Der Kanton bezahle seinen Partnern der Asylsozialhilfe (Heilsarmee, ORS Service AG) eine Pauschale für die Betreuung Asylsuchender. Diese Partner entscheiden, in welchem Rahmen sie Sprachkurse aus der Pauschale unterstützen, schreibt das MIP. Bevorzugt würden Personen mit «längerfristigen Aufenthaltsperspektiven».

Für Roland Glauser ist diese Haltung unverständlich: «Dieser Aufwand zahlt sich aus. Kurse zu einem späteren Zeitpunkt sind teurer.» Sollte nur einer der Teilnehmer einen positiven Asylentscheid erhalten, gehe die Rechnung mehr als auf. Schliesslich hat die ORS, welche die Notunterkunft in Moosseedorf betreut, für ihre vier Teilnehmer die Hälfte der Gebühr übernommen.

Ende März schliesst die Unterkunft in Moosseedorf ihre Türen. Der Sprachkurs werde wie vorgesehen im Sommer mit den Prüfungen abgeschlossen, hofft Roland Glauser. Wie es anschliessend weitergeht, steht in den Sternen. Sein Team und er seien bereit, im Rahmen eines koordinierten Programms weiterhin Asylsuchende auf Sprachprüfungen vorzubereiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.02.2017, 11:13 Uhr

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