Ein schöneres Grab für Riese Botti

Wegen des ­Autobahnausbaus muss ­Bottisgrab verlegt werden. Eine Gruppe setzt sich dafür ein, dass die historische Stätte künftig weniger kümmerlich daherkommt. Denn heute ­wissen nur Insider, wo der ­Riese Botti begraben ist.

Heute: Georg Ledergerber beim grösseren Stein von Bottisgrab.

Heute: Georg Ledergerber beim grösseren Stein von Bottisgrab. Bild: Raphael Moser

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Georg Ledergerber muss laut werden. Fast schreien. Ansonsten würde man kein Wort verstehen, hier an der A 1 zwischen der Raststätte Grauholz und der Verzweigung Schönbühl, im Lärm und Abgas der vorbeirasenden Fahrzeuge.

Am Waldrand direkt neben dem Pannenstreifen ragen zwei Steine aus dem Boden. Der eine 1,50 Meter hoch, der andere 50 Zentimeter. Auf den ersten Blick käme niemand auf die Idee, dass sie historisch bedeutend sein könnten. Doch genau das sind sie: Die Findlinge markieren das Grab des Riesen Botti, um den sich eine bekannte Sage rankt (siehe Box).

Laut Fachleuten ist Bottisgrab 800 bis 500 Jahre vor Christus entstanden. Jahrhundertelang standen die Steine mitten im Wald – «genau dort drüben», sagt Georg Ledergerber und zeigt zur Mittelleitplanke der heutigen A 1. Damit die Autobahn gebaut werden konnte, wurde 1959 aber eine Schneise in den Wald geschlagen und Bottisgrab um 40 Meter versetzt.

Dabei gab sich das Autobahnamt nicht sonderlich viel Mühe: Die beiden Findlinge, die vorher exakt gegen Südosten ausgerichtet waren, wurden einfach parallel zum Pannenstreifen platziert. Ganz anders ausgerichtet als vorher.

«Ein Unort»

Georg Ledergerber, wohnhaft in Bolligen, arbeitete bis zur Pensionierung vor zwei Jahren beim Bundesamt für Umwelt. Gemeinsam mit zehn weiteren Leuten hat er nun die Interessengemeinschaft (IG) Bottisgrab gegründet. Denn in nächster Zeit steht ein weiterer Einschnitt bevor: Die Autobahn zwischen dem Wankdorf und Schönbühl soll von sechs auf acht Spuren ausgebaut werden. Das bedeutet, dass Bottisgrab erneut versetzt werden muss. Und für die IG ist klar: Diesmal muss es besser werden als 1959.

«Heute ist Bottisgrab ein Unort», sagt Georg Ledergerber. Ihn stört der Autobahnlärm, aber auch, dass Bottisgrab nur über einen abgelegenen Waldweg erreichbar ist. Abseits des Wanderwegs, ohne Wegweiser. Die alte, gelbe Infotafel beim Grab ist ebenfalls wenig aufschlussreich. «Ein solcher Ort lädt nicht zum Verweilen ein», sagt Ledergerber.

«Kein Wunder, dass viele Junge nicht wissen, wo Bottisgrab ist.» Tatsächlich: Wer ein paar Hundert Meter weiter vorne bei der Brätlistelle im Bottisacher nach dem Grab fragt, erhält meistens ein Schulterzucken als Antwort. «Keine Ahnung.»

Wer bezahlt?

Also wandte sich die IG Bottisgrab mit einem Schreiben an den Bolliger Gemeinderat. Die Steine sollen an einen besser zugänglichen, würdigeren Standort verlegt werden. An einen Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem es ruhig ist und der eine Sitzbank hat. In nächster Zeit will sich die IG auf die Suche nach möglichen neuen Standorten machen.

Bei den Bolliger Behörden rennt die IG offene Türen ein. «Ja, Bottisgrab hat nicht den Platz, den es verdient», sagt Gemeindepräsidentin Kathrin Zuber (FDP). Deshalb hat der Gemeinderat eine Eingabe beim Bundesamt für Strassen Astra ­deponiert. Man wünsche ein Mitspracherecht bei der Grabverlegung.

1959: Bottis ursprüngliches Grab wird freigelegt und versetzt. Bild: zvg

Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht? Man werde die Ideen gerne anhören und sie prüfen, erklärt Astra-Sprecher Mark Siegenthaler. «Falls ein grösseres Denkmal gewünscht wäre, würde sich aber die Frage stellen, wer dieses finanziert», sagt er. Und gibt zu bedenken: «Wir sind noch in einer sehr frühen Phase der Planung.» Der Autobahnausbau im Grauholz beginnt frühestens Mitte 2027. Allerfrühestens.

Stau wegen Botti

Übrigens taucht der Riese Botti noch heute regelmässig auf. Jedes Jahr führt er den Ittiger Fasnachtsumzug an. Die Gemeinde Bolligen vergibt alle vier Jahre den Botti-Preis für besondere Verdienste in den Kategorien Kultur, Soziales und Sport. Und die Berner Mundartband Tschou zäme schrieb 1987 einen Botti-Song. Der sanfte Riese finde in seinem Grab neben der Autobahn keinen Frieden, heisst es im Lied. Ab und zu, aus Protest sozusagen, strecke er seine Füsse auf die Autobahn – «u stoppt dermit der Outofluss wi are Muur».

Damit wäre geklärt, warum es zwischen Wankdorf und Schönbühl immer wieder zu Staus kommt. Vielleicht haben sie irgendwann ein Ende, dann, wenn Botti sein neues Grab bekommen hat. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.10.2017, 07:09 Uhr

Die Botti-Sage

Über 7 Meter gross soll er gewesen sein, der Riese Botti. Und er habe immense Kräfte gehabt: Mit seinen Pranken habe er Bäume ausgerissen und mit den Fingerspitzen Steine zerdrückt, als seien sie aus Karton. Die Kraft habe er aber nicht an den Menschen ausgelassen, sondern ihnen im Gegenteil geholfen, wo er nur konnte. Zum Beispiel beim Holzen. Dennoch sei Botti von den Leuten in der Umgebung gefürchtet gewesen, was ihn sehr traurig gemacht habe. Schliesslich habe er im Grauholz sein Grab geschaufelt, sich hineingelegt und für immer die Augen geschlossen. Seine Schwester, ebenfalls eine Riesin, habe in ihrer Schürze zwei Steinbrocken herbeigetragen. Einen habe sie bei Bottis Kopf in die Erde gelegt, den anderen bei seinen Füssen. Mehr als 7 Meter auseinander.

So lautet die Sage vom Riesen Botti. Erstmals niedergeschrieben wurde sie 1858 in der in Wien erschienenen Sammlung «Alpensagen». 1924 erwähnte sie auch Hans Zulliger im Band «Unghüürig – Alti Gschichte us em Bantigergebiet». So wurde Bottisgrab weitherum bekannt. Die ältere Generation kennt es noch heute, bei der jüngeren gerät es immer mehr in Vergessenheit. maz

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