Ein schauerlich schönes Panoptikum des Grauens

Be-Geisterung: Benjamins Brittens Grabgeflüster «The Turn of the Screw» jagt den Zuschauern kalte Schauer über den Rücken.

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Ohnehin schon unheimlich, dieses Betongemäuer in den Vidmarhallen. Und nun das: ein Spukspektakel in der Machart von Horrorstreifen wie «Insi­dious» oder «Die Frau in Schwarz».

Konzert Theater Bern (KTB) verlässt sich mit der Regie von Maximilian von Mayenburg bei Benjamin Brittens unheimlichem Kammerwerk ohne grosses Deuteln auf die Ingredienzien einer knackigen Kurzgeschichte, die indirekt einen Kindesmissbrauch thematisiert.«The Turn of the Screw» mit dem Libretto von Myfanwy Piper wurde 1954 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt.

Die Dramaturgie von Katja Bury integriert den zweistündigen Zweiakter mit Prolog geschickt in die kühle Architektur der Vidmar mit ihren glatten Wänden. Durch die halbrunde Bühne und die Kostüme von Frank Lichtenberg werden die Zuschauerinnen und Zuschauer in eine vergangene Ära versetzt.

Stringente Inszenierung

Die Ästhetik dieser stringenten Inszenierung mit der schummrig-beklemmenden Lichtgestaltung von Rolf Lehmann und Jürgen Nase erinnert an «Hugo ­Cabret» von Martin Scorsese. Im Kinohit versteckt sich ein Junge beim grossen Uhrwerk im Bahnhof, auf der Bühne öffnen und schliessen ebenfalls Zahnräder die Türen und Tore sowie einen Vorhang im Raum.

Es ist ein Panoptikum des Grauens, das mit jeder Schraubendrehung an Intensität gewinnt. In der Spielzeugecke tummeln sich garstige Gestalten, im Bad mäandert eine Frau mit langen schwarzen Haaren und einem Strick um den Hals, und von draussen kriecht Edgar-Wallace-Nebel ins «Haunted House». Gefangen sind in dieser Schauerballade alle sechs Protagonisten.

Die zwei Frauen, die zwei Waisenkinder erziehen sollen, und das Geisterpaar des Anwesens, das keine Ruhe findet. Heimgesucht wird der Knabe Miles. Sein ätherischer Peiniger war zu Lebzeiten Diener im Gut, und der hatte damals fleischliche Gelüste, was den Jungen anbelangt. Beleuchtet wird auch der Charakter der Gouvernante, die ihren Eros unterdrückt und diese Energie auf die Kinder projiziert.

Klingt kompliziert? Keine Angst, die Regie bleibt bis zum bitteren Ende glaubwürdig. Der Missbrauch des Domestiken vom Jungen wird nur allzu plakativ veranschaulicht.

Bizarrer Geistersound

Mit «The Turn of the Screw» gelingt KTB zum Saisonabschluss im Musiktheater ein erstklassiges Ensemblestück.

Das von Jochem Hochstenbach souverän wie subtil geführte Kammerorchester des Berner Symphonieorchesters nimmt einen Hochsitz ein. Es spielt den bizarren Geistersound von Britten mit Elementen aus Freejazz und betörend-polyphonen Sirenengesängen aus einer Ecke hinter der Bühne.

So kommen vorne alle Stimmen prächtig zur Geltung. Oriane Pons als Gouvernante und Andries Cloete als Quint begeistern mit perfekter Phrasierung. ­Claude Eichenberger in der Rolle der blinden Mrs. Grose jagt einem mit Wucht die kalten Schauer über den Rücken, Evgenia Grekova zerrt als leichenblasse Miss Jessel an den Nerven.

Professionell, wie Yun-Jeong Lee ihren klaren Sopran als Miles Schwester Flora zurücknimmt, um ihrem jungen Bühnenbruder nicht die Show zu stehlen. Und dieser Sängerknabe, an der Premiere von vergangenem Samstag Elias Siodlaczek, macht seine Sache schaurig schön.

«The Turn of the Screw»: Aufführungen bis Sonntag, 25. Juni, Vidmar 1. www.konzerttheaterbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.05.2017, 08:08 Uhr

Erstklassige Leistungen: Quint (Andries Cloete, stehend) und Miles (Elias Siodlaczek) in der Oper «The Turn of the Screw». (Bild: zvg/Annette Boutellier)

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