Ein Reh so weiss wie Schnee

Bern

Albinismus ist ein seltenes Phänomen bei Wildtieren. In der Agglomeration Bern ist seit diesem Sommer ein Albino-Rehkitz in den Wäldern unterwegs. Seine Überlebenschancen sind intakt, sofern es genügend Schutz und Ruhe findet.

Noch ganz klein: Das Albino-Reh nach der Rettungsaktion im Juli dieses Jahres.

Noch ganz klein: Das Albino-Reh nach der Rettungsaktion im Juli dieses Jahres.

(Bild: zvg/Marco Catocchia)

Wer das weisse Tier von weitem sieht, reibt sich zuerst einmal die Augen: Die Farbe lässt an ein Schaf oder eine Ziege denken, doch die Statur entspricht der eines Rehs. Und es ist tatsächlich ein Reh, nämlich eines mit Albinismus. In der Agglomeration Bern ist dieses Jahr bereits zum zweiten Mal ein Albino-Rehkitz gefunden worden.

Laut dem verantwortlichen Wildhüter Marco Catocchia kommt dies sehr selten vor und ist deshalb auch in seinem Berufsstand eine Attraktion. Das letztjährige Kitz ist auf mysteriöse Art verschwunden. Weder Wildhüter noch Jagdaufseher haben es zu Gesicht bekommen, sondern erst im Nachhinein erfahren, dass es eines gegeben haben soll.

Gerettet vor Mähmaschinen

Im Juli dieses Jahres nun sind freiwillige Helfer bei einer Rettungsaktion vor Mähmaschinen erneut auf ein Vollalbino-Rehkitz gestossen. Bei diesen Aktionen werden die Kitze vor dem Mähen vorübergehend in Sicherheit gebracht und anschliessend wieder freigelassen. Seither hat Wildhüter Catocchia das schneeweisse Tier mehrmals gesehen. Er vermutet, dass beide Kitze von derselben Rehgeiss geboren wurden. Diese ist selber nicht weiss, aber etwas heller.

Schlechte Tarnung

Die weisse Farbe nimmt dem jungen Albino jegliche Tarnung und macht es so zu einer leichten Beute für Greifvögel oder Füchse. «Es hat nun aber die schlimmste Zeit überstanden», sagt der Wildhüter.

Um es zu schützen, wird sein Standort nicht publik gemacht. «Ein Ansturm auf das Tier wür-de dessen Überlebenschancen schmälern», erklärt der zuständige Jagdaufseher, der bei besagter Rettungsaktion dabei war. Sein Name wird wegen allfälliger Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort des Rehs nicht genannt.

Besonders heikel seien Hunde von Spaziergängern, weil diese im Gegensatz zu Jagdhunden stark auf optische Reize reagieren würden. Der erste Schnee wird dem Reh deshalb – zumindest in Bezug auf die Sichtbarkeit – zugutekommen.

Albinismus bei Tieren kommt immer wieder vor. Bekannt sind die Bilder von rotäugigen, weissfelligen Labormäusen und -ratten. Ihnen fehlen durch eine genetische Veränderung die Farbpigmente in der Haut, welche insbesondere vor UV-Strahlung schützen. Bei Wildtieren ist das Phänomen indes seltener.

Tierärztin Ulrike Cyrus hat während ihrer sechsjährigen Tätigkeit in der Wildstation Landshut in Utzenstorf erst einmal ein Vollalbino-Tier zu Gesicht bekommen: einen Igel. Ein anderes Mal sei eine Rabenkrähe mit Leuzismus (Teilalbinismus) gefunden worden. «Diese war mehrheitlich weiss, einige Federn jedoch waren dunkel», erzählt Cyrus. Sie war von ihren Artgenossen angegriffen und deshalb auf die Wildstation gebracht worden.

Tabu unter Jägern

Beim Albino-Reh hat der zuständige Jagdaufseher keine Angst, dass es von der Gruppe verstossen würde. «Es riecht ja wie ein Reh», sagt er. Ob er mit seiner Einschätzung richtigliegt, wird sich zeigen. Rehe bilden erst im Winter Gruppen (sogenannte Sprünge), zuvor sind die Kitze mit ihrer Mutter unterwegs.

Vor den Jägern jedenfalls muss sich das Tier nicht fürchten. «Ein Albino-Reh wird niemals geschossen, das ist ein ungeschriebenes Gesetz unter Jägern», betont der Jagdaufseher. Würde es einer dennoch tun, hätte er schnell keine Kollegen mehr, ist er überzeugt.

Berner Zeitung

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