Ein Museum in der Ethikfalle

Bern

Aufregung um die Ausstellung «Industrious». Der Grund: die Beteiligung des Baustoffkonzerns Holcim. Wie kommt es, dass ein wirtschaftliches Auftragsprojekt Einlass ins Kunstmuseum Bern findet?

Der Fotograf Marco Grob hat Holcim-Mitarbeiter in 35 Ländern porträtiert.

Der Fotograf Marco Grob hat Holcim-Mitarbeiter in 35 Ländern porträtiert.

(Bild: Beat Mathys)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Der Schweizer Baustoffkonzern Holcim feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Bern: «Industrious» zeigt Porträts von Mitarbeitern sowie Architekturfotografien von 35 Werken von allen Kontinenten. Ein Aktivist demonstrierte während der Vernissage am Donnerstag seinen Unmut über diese Zusammenarbeit und sorgte für einen Tumult. Schon während der Pressekonferenz mussten sich die Museumsleitung und der Holcim-Verwaltungsratspräsident Rolf Soiron kritischen Fragen stellen. Wie kommt es, dass ein solches Auftragsprojekt Einlass ins Museum findet? Die Antwort folgt unisono: Bei «Industrious» handle es sich um ein freies Kunstprojekt, die Fotografen hätten keine Einschränkungen erfahren.

Damit hätte sich Holcim auf Glatteis wagen können. Schliesslich stand das Unternehmen, welches sich unter dem Motto «Nachhaltigkeit» einen grünen Anstrich gibt, immer wieder in der Kritik – etwa 2011, als Arbeiter in Indien gegen die Arbeitsbedingungen demonstrierten. Zum Glück für Holcim bekam der Schweizer Porträtfotograf Grob davon nichts mit. Anders das Berliner Duo David Hiepler und Fritz Brunier: Sie fotografierten das umstrittene, zum Abriss freigegebene Werk in Indien mitsamt dem gesundheitsschädigenden Staub, der in der Luft flirrt. Erst versuchte Holcim, das Bild zu verhindern, doch auf Druck der Künstler und Kuratoren wurde es in die Ausstellung aufgenommen.

Kritik wegen Sponsoring

Wirklich auf Glatteis gewagt hat sich Holcim aber nicht. Die Projektverantwortlichen wählten die Fotografen aufgrund ihrer Bildsprachen aus und gaben damit eine Richtung vor: Marco Grob – bekannt für seine Aufnahmen der Schönen und Reichen – schuf ikonische Arbeiterporträts, die «Stolz und Selbstbewusstsein» ausstrahlen, wie Soiron sagt. Hiepler und Brunier haben mystische Architekturbilder realisiert, auf denen die Werke wie utopische Weltraumanlagen wirken. Die Aufnahmen sind so betörend, dass selbst der Staub wie ein Stilelement wirkt. Trotzdem betonen die Verantwortlichen bei Holcim und beim Museum die «Wahrhaftigkeit» des Projekts.

«Wahrhaftig» ist aber vor allem eines: das Abhängigkeitsverhältnis zwischen subventionierten Museen und investitionsfreudigen Unternehmen. In der Vergangenheit trat Holcim bereits mehrmals als Partner des Kunstmuseums Bern auf, unter anderem 2005 für die China-Ausstellung «Mahjong». Keine Ausnahme: In Zeiten, in denen Versicherungs- und Transportkosten für Kunstwerke ins Unermessliche steigen, ist es für ein Museum mit überregionalem Auftrag kaum mehr möglich, allein mit den Subventionsgeldern ein attraktives Programm zu verwirklichen. Dass das Kunstmuseum mit der «Industrious»-Ausstellung einem mächtigen Sponsor in Hinblick auf zukünftige Projekte einen Gefallen macht, ist da ein naheliegender Gedanke – von dem das Kunstmuseum nichts wissen will: «Holcim war ein Partner der China-Ausstellung und hat 2007 ‹Horn Please› als Co-Sponsor unterstützt. Diese Verbindungen haben unter anderem dazu geführt, uns für ‹Industrious› anzufragen. Es gibt aber keine Pläne für weitere Projekte», sagt Ruth Gilgen, Mediensprecherin des Museums.

Kritik wegen Asbestfall

Das Ausstellen von Auftragskunst ist aber nicht der einzige Kritikpunkt. Noch bis 2003 war Holcim an der Eternit AG beteiligt, deren ehemaliger Verwaltungsratspräsident Stephan Schmidheiny – Bruder des grössten Holcim-Aktionärs – wegen der Verwendung von Asbest in den Siebziger- und Achtzigerjahren soeben zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Dies motivierte den Aktivisten Johannes Lortz, während der Vernissage die Worte «Asbestos Bodies» auf einen Sockel zu schreiben. «Ausstellungsprojekte sind langfristig angelegt. Die aktuelle Ausstellung hatte einen Vorlauf von eineinhalb Jahren. Das war damals kein Thema, und der Zusammenhang ist gesucht», so Ruth Gilgen.

Hat das Museum die Wirkung der Ausstellung unterschätzt? «Die Direktion hat ihre Entscheidungen getroffen, nicht ohne sich Fragen über den Hintergrund des Projekts zu stellen. Daher ist die Kritik nicht unerwartet und soll in einen Diskurs führen. Ein Podium ist geplant», so Gilgen. Klar ist schon jetzt, dass die ganze Aufregung der Ausstellung Gratiswerbung beschert, wie sie kein Sponsor kaufen kann.

Berner Zeitung

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