Ein Ja würde zeigen: Ostermundigen ist erwacht

BZ-Redaktor Markus Zahno zur Abstimmung über das Bären-Hochhaus in Ostermundigen.

Ostermundigen steht zum zweiten Mal innert Jahresfrist vor einer wegweisenden Volksabstimmung. Soll auf dem Bären-Areal ein Hochhaus gebaut werden? Restlos alle Gemeinderatsmitglieder sind dafür. Fast alle Gemeindeparlamentarier sind dafür.

Trotzdem ist die Nervosität gross. Zu wach ist die Erinnerung an das Tram Region Bern, das letztjährige Grossprojekt. Gemeinderat und Parlament sagten damals ebenfalls fast einstimmig Ja – doch das Volk versenkte das Projekt. Sollte sich diese Geschichte am 29.? November beim Hochhaus wiederholen, dann hätten die Mundiger Politikerinnen und Politiker langsam, aber sicher ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Beim Tram hat sich vieles kumuliert: die hohen Kosten für den Steuerzahler. Die Bäume, die hätten gefällt werden müssen. Die wegfallenden Parkplätze. Oder die lange Bauzeit. Beim Hochhaus ist die Situation etwas anders. Immerhin haben vorletztes Jahr über 70 Prozent der Ostermundigerinnen und Ostermundiger Ja zum neuen Raumplanungsgesetz und damit zum Verdichten gesagt. Jetzt können sie zum ersten Mal beweisen, ob es ihnen damit ernst ist. Oder ob die persönliche Betroffenheit halt doch überwiegt – im Sinn von: «Verdichten ist gut, aber bitte nicht vor meiner Haustüre!»

Das Bären-Hochhaus ergibt Sinn. Wer wachsen will, ohne grüne Wiesen zu opfern, muss nun einmal in die Höhe bauen. Auch der Standort ist richtig: Beim Bären kommen Strasse und Bahn zusammen. Die Berner Innenstadt ist nur ein paar Minuten entfernt. Die Wohnungen im Hochhaus dürften attraktiv für gute Steuerzahler sein. Und der massgebliche Teil des Schattens, den das Haus wirft, fällt gemäss Gutachten nicht auf die Nachbarhäuser, sondern auf den Bahndamm. Also: Wo, wenn nicht auf dem Bären-Areal, soll ein Hochhaus entstehen?

Klar hat das Projekt auch Nachteile, klar gibt es Fragezeichen. Der Verkehr wird zunehmen. Der öffentliche Platz vor dem Hochhaus wird nicht automatisch so belebt sein, wie die Promotoren glauben machen wollen. Natürlich lässt sich auch darüber streiten, ob das Haus schön ist. Aber Hand aufs Herz: Kein Architekt der Welt wird es schaffen, ein Haus zu entwerfen, das die anderen Häuser so deutlich überragt und das trotzdem allen auf Anhieb gefällt. Ein 100-Meter-Haus wird nie 100 Prozent Zustimmung ernten.

Aber reicht es zu über 50 Prozent Ja? Das ist nicht sicher. Und das haben sich die Promotoren auch selbst zuzuschreiben. Auf der Facebook-Seite «Zentrum Bären» zum Beispiel gehen die Administratoren – gemäss Impressum die Projektentwickler der Halter AG – wenig souverän mit Kritik um. Wer etwa den fehlenden Architekturwettbewerb kritisiert, erntet eine hämische Belehrung.

Dabei können selbst anerkannte Fachleute wie Rudolf Rast, Chefarchitekt der Expo.02, nicht verstehen, warum die Initianten keinen solchen Wettbewerb wollten. Wer so auftritt wie einige der Promotoren, muss sich nicht wundern, wenn die Gegenseite immer unsachlicher zurückschiesst.

Aber das sind letztlich Nebenschauplätze. Der Hauptschauplatz bleibt das Hochhaus. Ein Ja zu ihm wäre ein Symbol für die Erneuerung. Dafür, dass die Ostermundiger nicht zuschauen wollen, wie die Häuser in ihrem Dorf weiter verlottern. Ein Ja würde zeigen: Ostermundigen ist erwacht.

Berner Zeitung

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