Ein Hochhaus? «Nein, das ist ein Nutzungsrambo»

Ostermundigen

Rudolf Rast, Chefarchitekt der Expo.02, übt harsche Kritik am geplanten Bären-Hochhaus in Ostermundigen. Er fordert einen Architekturwettbewerb, doch die Gemeinde winkt ab.

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«Ein grössenwahnsinniger Spekulationsbau.» – «Völlig hässlich und unnötig.» – «Es entsteht etwas Neues. Klar, dass es da viele Ewiggestrige und Nörgler gibt, die immer schön beim Alten bleiben wollen.» – «Seelenlose Allerweltsarchitektur, brauchts das wirklich in der Schweiz?» – «Ja, das braucht die Schweiz wirklich! Oder ist es Ihnen lieber, Grünflächen zu betonieren?»

Das geplante Hochhaus auf dem Bären-Areal lässt in Ostermundigen kaum jemanden kalt. Die Kommentatorinnen und Kommentatoren auf Bernerzeitung.ch überbieten sich gegenseitig: Die einen finden das 100-Meter-Gebäude grandios, die andern sind höchst besorgt.

Schon vor 250 Jahren

Einer äussert die Kritik nicht im Internet, sondern im Gespräch: Rudolf Rast, Inhaber eines Berner Architektur- und Planungsbüros, Chefarchitekt und technischer Direktor der Expo.02 sowie ehemaliger Präsident der Berner, Solothurner und Freiburger Raumplaner. Er zieht das Bild vom Bären-Hochhaus aus der Mappe und greift sich mit beiden Händen an den Kopf. «Wenn das so durchkommt, verstehe ich die Welt nicht mehr», sagt er. «Dem Haus ist anzusehen, dass man möglichst viel Nutzung hineinjagen will. So etwas nenne ich einen Nutzungsrambo.»

Weil rundherum nur dreigeschossige Gebäude stehen, ist das Hochhaus kilometerweit sichtbar. «Ein so exponierter Bau», sagt Rudolf Rast, «erfordert höchstmögliche Qualität.» Diese erreiche man nur mit einem Architekturwettbewerb. Schon früher hätten kluge Köpfe für Bauten von besonderer Bedeutung – Kirchen, Rathäuser oder Spitäler – Wettbewerbe durchgeführt. Zum Beispiel vor 250 Jahren bei der St.-Ursen-Kathedrale in Solothurn. Heute sei dieses Verfahren in der Privatwirtschaft wie auch bei der öffentlichen Hand gang und gäbe.

«Noch zu früh»

Beim Ostermundiger Hochhaus dagegen wurde auf einen Wettbewerb verzichtet. «Die architektonische Qualität ist aber sehr wohl gewährleistet», wehrt sich Bernhard Marti, Verwaltungsratspräsident der Bären AG. Dafür sorge ein Qualitätsteam, in dem Architekten, Raum- und Verkehrsplaner ebenso vertreten seien wie ein Immobilienfachmann, eine Soziologin und ein Politologe. Dieses Gremium habe das Projekt von Anfang an begleitet. Am Anfang prüften drei verschiedene Architekturteams in einer Testplanung, ob auf dieser Parzelle ein Hochhaus möglich ist. «Sie reichten drei ganz unterschiedliche Varianten ein: eine futuristische, eine traditionelle und eine elegante», erklärt Marti. Ein viertes Büro, die Burkhard Meyer Architekten, habe die Entwürfe weiterentwickelt und das vorliegende Projekt erarbeitet.

Bernhard Marti bezeichnet das Bären-Hochhaus als «gut gelungenen Kompromiss». Er berücksichtige alle Bedürfnisse: Schaffung eines öffentlichen Raumes, Hotel-, Büro- und Wohnnutzung, die Problematik des Schattenwurfes, die Verkehrssituation und die Nachhaltigkeit. Um über die Architektur zu diskutieren, sei es noch zu früh. Materialisierung, Fassadenfarben und vieles andere seien noch gar nicht definiert.

«Noch nicht zu spät»

Rudolf Rast bestreitet nicht, dass das Bären-Areal für ein Hochhaus geeignet ist. Die Nähe zum Bahnhof, zur Bus- und geplanten Tramhaltestelle sei ein gewichtiger Vorteil. Er gibt aber auch zu bedenken: Wenn die Gemeinde ermöglicht, dass auf einem Areal nicht nur ein dreistöckiges, sondern ein dreissigstöckiges Haus gebaut werden darf, bedeutet das einen erheblichen Mehrwert. «Dafür soll der Eigentümer eine Gegenleistung erbringen.» Und diese beinhalte nicht nur die sogenannte Mehrwertabschöpfung. «Er soll auch dafür sorgen, dass die Umwelt nicht verschandelt wird», sagt Rast. Beim Bären-Hochhaus stimmten die Proportionen nicht. Das nahe gelegenen Swisscom-Hochhaus sei viel befriedigender. «Sein Körper ist schlank und elegant. Es wirkt nicht wie ein Pflatsch.»

Ein Qualitätsteam, sagt Rast, könne selber keine Vorschläge entwerfen, sondern sie nur beurteilen. «Das ist ein grosser Unterschied.» Noch sei es nicht zu spät für einen Architekturwettbewerb.

Baubeginn 2014?

Jetzt noch einen Wettbewerb auszuschreiben, kommt für Gemeindepräsident Christian Zahler (SP) nicht infrage. «Das wäre ein Schritt zurück», sagt er, «mit der Testplanung wurde bereits ein wettbewerbsähnliches Verfahren durchgeführt.» Danach habe man gemeinsam mit dem Qualitätsteam entschieden, ohne weiteren Wettbewerb weiterzumachen. Bis am 11.Januar liegt die Überbauungsordnung für das Bären-Areal nun zur öffentlichen Mitwirkung auf. «Ich gehe nicht davon aus, dass das Projekt von der Bevölkerung verrissen wird», so Zahler. Er höre immer wieder Bürgerinnen und Bürger sagen: «Es ist gut, dass in Ostermundigen etwas geht.»

Je nach Ergebnis der Mitwirkung wird das Projekt überarbeitet. Später liegt es nochmals öffentlich auf, dann mit der Möglichkeit, Einsprache zu erheben. Schliesslich muss das Vorhaben vor den Grossen Gemeinderat und – im Falle eines Referendums – vors Volk. Frühestens 2014 können die Bauarbeiten beginnen, in diesem Fall wäre das höchste Haus von Bern 2017 bezugsbereit.

Berner Zeitung

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