Ein Hoch auf den Nachmittag

Viel Platz, kaum Betrunkene und grossartige Musik: zum Beispiel von Alice Merton. Warum es sich lohnt, das Gurtenfestival zu Randzeiten zu besuchen.

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Hier sind nur junge Er­wachsene, knapp der Schulbank entwachsen, balzwütige, flaumbehaarte Jungs, romantisch frisierte Blumenmädchen. Das stimmt.

Doch am Mittwochnachmittag sind sie noch nicht betrunken. Überhaupt lohnt sich das Gur­tenfestival zu diesen Randzeiten, am Nachmittag, unter der Wo­che. Auch für Ältere, Jungge­bliebene, Alkoholabstinente, unter Platzangst Leidende.

Am Mittwochnachmittag kann man: Unbedrängt gehen, ge­­mütlich bisle, prompt bestellen, Grossartiges entdecken. Und wie! Zum Auftakt gehört die Zeltbühne – «neues Zelt, neue Aussicht, alte Atmosphäre» – Alice Merton. Die 24-Jährige hat noch gar kein ganzes Album veröf­fentlicht, doch ihre erste Single startete letztes Jahr voll durch.

«Roots» ist ein veritabler Ohrwurm und erzählt über ihr Leben als Heimatlose, die zwölfmal umgezogen ist und in vier verschiedenen Ländern, unter anderem Deutschland und Kanada, gelebt hat. Und diese Alice Merton ist eine Wucht.

Unheimlich klein, sie reicht dem Gitarristen kaum bis zur Schulter, unheimlich symphatisch, sie freut sich ehrlich über ihr erstes «Swiss Festival», unheimlich kraftvoll, sie hüpft und springt ununterbrochen, und vor allem un­heimlich cool: Ihren grossen Hit, der manche schon werweisen liess, ob Alice Merton doch nur ein Einhitwunder ist, bringt sie erst als allerletzten Song.

Davor all die anderen neuen Songs – und zu fast jedem erzählt sie eine kleine Geschichte. Darüber, wie sie von allen grossen Plattenfirmen abgelehnt wurde oder wie ihr Manager auch ihr bester Freund aus dem Studium ist. Authentisch.

Und die Beats, sie zwingen zum Tanzen, lassen die noch frischen Gurten-Besucher in Massen ins Zelt strömen. Wo man Aussicht auf den Bantiger hat und alle allfälligen Probleme mit dem neuen Cashless-System plötzlich hinfällig und unwichtig sind. Und wer gedacht hat, dass diese junge Frau zu wenig Songs im Gepäck hätte, um eine Stunde Konzert zu füllen, liegt falsch. Im Gegenteil, man darf sich auf ihr erstes Album freuen. Uneingeschränkt.

Mit vollerem Koffer ist Damian Marley angereist. Schon nur der Name verpflichtet, Damian ist der jüngste Spross des grossen Bob Marley – und vielleicht der einzige, der sich aus seinem Schatten gelöst hat. Der fast 40-Jährige vermischt Reggae mit Dancehall, nur leider lässt er davon an diesem Abend auf dem Gurten wenig spüren.

Statt­dessen kommt sein Konzert routiniert, ja uninspiriert daher. Er trägt, wie sein Vater früher, ein Trainerjäckchen, nur die Rastas sind länger, sie reichen fast bis an den Boden. Er besingt Marihuana, frönt den Songs von Bob, wie «Exodus», und lässt den ­Fahnenschwinger – etwas, was Jamaica mit der Schweiz gemein hat – hart arbeiten.

Doch von diesem Konzert, von diesem Mann, hätte man mehr erwartet, stattdessen liefert er eine schlechtere Version seines Vaters – vielleicht aus der Erfahrung, dass das Festivalpublikum nicht anspruchsvoll ist und will, was es kennt.

Immerhin: Am Donnerstaganchmittag bietet sich die nächste Chance, den Gurten zu den lohnenswerten Randzeiten zu erleben. Es gibt noch Tickets. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.07.2018, 22:19 Uhr

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