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Ein Dorf fürchtet um seine Identität

Wenn die Gemeinde Tägertschi weitermacht wie bisher, schmelzen die finanziellen Reserven dahin wie der erste Schnee. Die Bevölkerung hält wenig von einer Fusion. Wachstum soll die Unabhängigkeit retten.

«Keine einzige Gegenstimme?» Gemeindepräsident Urs Schenker schaute an der Gemeindeversammlung am Dienstagabend ungläubig in die Runde. Noch selten ist eine Steuererhöhung um zwei Zehntel so glatt über die Bühne gegangen. Wohl auch, weil Urs Schenker zuvor aufgezeigt hat, dass Tägertschi ohne Erhöhung bald von der Karte verschwinden würde. Die 400-Einwohner-Gemeinde würde jährlich rund 150'000 Franken rückwärts machen, bis 2018 müsste sie mit einem Bilanzfehlbetrag von über 450'000 Franken rechnen. «Dann wären wir wohl längst fremdverwaltet», sagte Urs Schenker. Als Grund für die negative Entwicklung sieht er Steuerausfälle und höhere Abgaben an den Kanton. «Wir haben gespart, wo wir konnten. Mehr liegt einfach nicht drin.»

Eine Lösung auf Zeit

Mit dem neuen Steuerfuss von 1.79 Einheiten ist das Problem nicht gelöst, das Minus wird aber abgeschwächt. 2014 budgetiert Tägertschi ein Defizit von 77'400 Franken. «Wir müssen spätestens 2015 eine weitere Steuererhöhung ins Auge fassen», so Schenker. Darum wollte der Gemeinderat von den 79 Anwesenden wissen, wie es weitergehen soll. Was soll die Gemeinde prüfen? Eine Fusion? Ein stärkeres Wachstum?

Schenker sprach von einem «Sterben auf Raten», wenn nichts passiere. Die Bürger nahmen ihn ernst, sträubten sich aber gegen den Fusionsgedanken: «Lieber nicht zu einer grossen Gemeinde, bei der wir nicht mitbestimmen können», sagte ein Votant. Offenbar fürchten viele, Tägertschi könnte seine Identität, sein Dorfleben verlieren. Ein grosses Thema war die Schule: «Sie ist die Zukunft unserer Gemeinde», sagte eine Votantin. Wenn die Primarschule verschwinde, werde Tägertschi unattraktiver.

Münsingen ist unbeliebt

Besonders gegen eine Fusion mit Münsingen wurden Stimmen laut: «Münsingen wäre für mich das Schreckgespenst himself», sagte jemand. Manche Skeptiker finden, die Gesichter der beiden Gemeinden seien zu verschieden. Münsingen sei stadtnah und setze auf Wachstum. Das passe schlicht nicht zu Tägertschi. Konolfingen schon eher. Fazit: Eine Fusion ist für viele der letzte Ausweg. Nur 13 der 79 Anwesenden wollten, dass sich die Gemeinde auf dieses Szenario konzentriert. Für ein Wachstum, um mehr Steuern zu generieren, sprachen sich 42 Bürger aus. Allerdings für ein moderates. Deshalb kam bald die Frage: Wie viel müsste überbaut werden? Urs Schenkers Antwort gefiel nicht: «In der Grössenordnung der Unteren Weinhalde müsste es wieder sein.» Die Einfamilienhaussiedlung hat Tägertschi mehr als 30 Einwohner eingebracht.

Zeit ist knapp

Schenker gab zu bedenken, dass eine Wachstumsstrategie schnell umgesetzt werden müsste. «Wenn wir bis 2016 eine Ortsplanung haben, dann ist noch nichts gebaut.» Ob die Schule überhaupt noch so lange bestehen könne, wollte jemand wissen. Silvia Wüthrich von der Bildungskommission konnte entwarnen: «Die nächsten sechs, sieben Jahre ist die Schule nicht gefährdet.»

So gaben sich viele Bürger zuversichtlich, dass mit Wachstum die Unabhängigkeit gesichert werden kann. Ganz begraben wollte die Versammlung den Fusionsgedanken aber nicht. Die Gemeinde klärt beide Möglichkeiten ab.

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