Ein Bürger löst Rücktrittswelle aus

Greng FR

Die Gemeinde Greng FR hat 172 Einwohner. Einer von ihnen richtet immer wieder Vorwürfe an die Behörden. Das führte zum Rücktritt des ganzen Gemeinderats. Finden sich keine Nachfolger, droht die Zwangsverwaltung.

Greng zählt 172 Einwohner. Einer von ihnen hält die Behörden ordentlich auf Trab. Foto: Emanuel Ammon

Greng zählt 172 Einwohner. Einer von ihnen hält die Behörden ordentlich auf Trab. Foto: Emanuel Ammon

Rico Martinelli, Noch-Gemeindepräsident im freiburgischen Greng, ist genervt. Wegen eines einzigen Bürgers haben er und seine Ratskollegen im Dezember ihre Ämter niedergelegt. Jetzt müssen für die Nachfolge mindestens fünf Leute gefunden werden. Damit deren Kandidatur gültig ist, muss jeder auf seiner Liste zehn Unterschriften von Grenger Stimmberechtigten vorweisen. Wahllisten können demnächst eingereicht werden. Den Termin legt die Gemeindeverwaltung fest. 

«Es dürfte schwierig werden, überhaupt jemanden zu finden. Es ist einfach zu abstrus, was bei uns passiert ist», sagt Martinelli, der sich mit seinen Kollegen trotz des Rücktritts noch bis Ende April um das Tagesgeschäft der Gemeinde kümmert. «Das machen wir zum Wohle der Gemeinde und damit wir die Ressorts sauber übergeben können.»

Streit um einen Parkplatz

Ausschlaggebend für den radikalen Schritt des Gemeinderats waren zahlreiche Beschwerden, Anfragen, Briefe und sogar Strafandrohungen des in Greng wohnhaften, 70-jährigen Roland Wyler. Die Behandlung des «permanent eingehenden Schriftverkehrs» habe sowohl die Gemeinderäte als auch das Verwaltungsteam an die Kapazitätsgrenzen gebracht. Greng zählt 172 Einwohner und hat zwei Verwaltungsangestellte, die sich eine Vollzeitstelle teilen. Wyler warf den Behörden unter anderem finanzielle Misswirtschaft vor sowie das Fehlen eines Parkplatzreglements. Gemäss Martinelli hat der Mann seinen Parkplatz in der Einstellhalle verkauft und dann mit seinem Auto einen Besucherparkplatz beim Restaurant blockiert. Als man ihm das untersagte, habe Wyler gedroht, seinen Steuersitz in den Aargau zu verlegen und in Greng nur noch als Besucher zu verweilen.

Wyler sagt: «Der Gemeinderat wollte mir das Parkieren untersagen, obschon ich mit dem Wirt einen Vertrag abgeschlossen hatte. Das ist Willkür.» Gemäss Martinelli hat der Wirt allerdings in seinem Pachtvertrag keine Möglichkeit, einen Platz zu vermieten. Deshalb sei so ein Vertrag rechtlich gar nicht zulässig. Das ist ein Beispiel von vielen, das zeigt, was sich zwischen Wyler und den Gemeindebehörden abspielt. 

Zwangsfusion möglich

Falls die Gemeinderatssitze nicht besetzt werden können, muss das Oberamt des Seebezirks einen externen Zwangsverwalter einsetzen. Und für den Fall, dass sich auch danach keine Exekutive findet, kommt es zu einer Zwangsfusion – voraussichtlich mit dem angrenzenden Murten. Das bestätigt Oberamtmann Daniel Lehmann. Er hofft aber, dass es nicht so weit kommt. Ein solcher Fall wie Greng sei ihm in seiner 22-jährigen Amtszeit noch nie begegnet. Zu Details bezüglich hängiger Beschwerden von Roland Wyler will sich Lehmann nicht äussern, weil es sich um laufende Verfahren handle. 

In Greng demissionierten aber nicht nur die Gemeinderäte. Auch die Kommissionen seien ausgedünnt, sagt Rico Martinelli. «Es fehlen Leute für die Finanz-, die Planungs- und die Baukommission. Wir finden niemanden mehr – wegen Wyler.»

Unterstützung fehlte

Martinelli beklagt auch, dass der Gemeinderat nicht die nötige Unterstützung erhalten habe. «Wir hatten zwar Kontakt mit kantonalen Ämtern und ersuchten dort um Hilfe, fragten, wie man mit so einem Bürger umgeht. Geholfen hat uns aber niemand.» Man habe sich einen privaten Coach nehmen müssen, um einigermassen funktionieren zu können. Aber Greng ist klein, man wohnt nah beieinander, es ist fast unmöglich, einander auszuweichen. «Wir sind alle Nachbarn», erklärt Martinelli. Viele der 172 Einwohner würden sich über Wyler ärgern.

Martinelli tröstet sich damit, dass keine von Wylers Beschwerden gutgeheissen wurde. Das wissen die Bürger aber nicht. Sie darüber zu informieren, habe der Oberamtmann untersagt. Roland Wyler gebe aber nicht auf, finde immer wieder neue Wege zu intervenieren. «Würde er die Entscheide des Oberamts richtig lesen, wüsste er, dass seine Beschwerden chancenlos sind. Aber er macht weiter.»

«Kaum Fehler gemacht»

Hat der Gemeinderat denn gar keine Fehler gemacht? Sind wirklich sämtliche Vorwürfe von Roland Wyler haltlos? Rico Martinelli antwortet, es seien kaum wesentliche Fehler passiert. Zur Misswirtschaft und zur unsauberen Rechnungslegung, die Wyler den Behörden vorwirft, sagt er: «Der Revisor nimmt die Rechnung ab, dann der Kanton – wir können gar keine unsaubere Rechnung abliefern.» Um Fehler zu machen, sei dem Gemeinderat sowieso keine Zeit geblieben, denn: «Die Verwaltung und wir waren mit der Behandlung von Wylers Beschwerden voll ausgelastet.»

Der Vorwurf, dass Greng nur vom Vermögen zehre und bald zwangsfusioniert werde, sei ebenfalls absurd. «Wir haben genug Geld, um in den nächsten Jahren selbstständig zu bleiben», sagt Martinelli. Für ihn ist klar: «Es geht Wyler nicht um die Sache.» Deshalb wollen Martinelli und die anderen Gemeinderäte erst wieder ein Amt übernehmen, falls Wyler wegzieht.

«Viele Interessenten»

Im Dezember hatte Roland Wyler erklärt, er habe ein Grüppchen hinter sich geschart, das in den Gemeinderat wolle. Auch er sei bereit, ein Amt zu übernehmen. Ob das immer noch so ist? «Es gibt viele Leute, die sich interessieren. Aber schlussendlich müssen sie sich selber melden», sagt Wyler. Er selber will abwarten, bis der Wahltermin publiziert ist. Weiter mag er sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äussern.

Berner Zeitung

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