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Ein Berner zieht am WEF die Fäden

Heute beginnt in Davos das Weltwirtschaftsforum. Seit sechs Jahren sorgt der in Münchenbuchsee aufgewachsene André Schneider als Organisationschef für einen reibungslosen Ablauf. Auch in tragischen Umständen.

Oft am Draht: Doch nicht immer kann WEF-Organisationschef André Schneider die Anrufe mit einem Lächeln entgegennehmen.
Oft am Draht: Doch nicht immer kann WEF-Organisationschef André Schneider die Anrufe mit einem Lächeln entgegennehmen.
Keystone

Bis am kommenden Sonntag müssen vier Stunden Schlaf genügen: «Ich komme während des Jahrestreffens jeweils zwischen Mitternacht und zwei Uhr ins Bett. Und um sechs Uhr stehe ich wieder auf», erzählt André Schneider. Doch manchmal ist der kurze Schlaf ein vergleichsweise kleines Problem. So wie gestern, als bekannt wurde, dass sich der oberste Verantwortliche für die Sicherheit am WEF, der Bündner Polizeikommandant Markus Reinhardt, das Leben genommen hat. Er habe ihn als einen «hochkompetenten und sehr menschlichen Partner kennen und schätzen gelernt», sagte Schneider gestern. «Mein tiefstes Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und Kollegen», fügte er an.

Zuständig für Sicherheit

Schneider, ein 50-jähriger Hüne, ist seit 2003 die rechte Hand des WEF-Gründers Klaus Schwab. In seiner Funktion als Chief Operating Officer ist er auch für die Sicherheit zuständig und somit vom tragischen Tod besonders betroffen. Neben der Sicherheit ist er für ein breites Aufgabenspektrum verantwortlich. Dazu gehören die Durchführung und die programmatische Gestaltung der Veranstaltungen, die Administration, die Informatik, das Personalwesen, die Kontakte mit ausländischen Regierungen und die Finanzen.

Der Stress in Davos

Die WEF-Mitarbeiter arbeiten während des Forums unter Hochdruck – ein Umfeld, das Schneider mag: «Ich sehe den Stress eher als Herausforderung. Ich liebe es, solche Aufgaben zu haben», sagt er. «Geschieht aber eine Panne, weil jemand zu wenig aufmerksam war, dann kann auch ich mich ärgern», sagt Schneider, der mit einer Genferin verheiratet und Vater von vier Kindern im Alter zwischen 5 und 13 Jahren ist.

Im Rahmen des Forums werden über zweihundert Diskussionsrunden durchgeführt. Damit alle Podiumsteilnehmer rechtzeitig vor Ort sind, gibt es eine doppelte Verantwortung: Jeder WEF-Mitarbeiter ist für eine bestimmte Anzahl von Diskussionsrunden zuständig, und jeder Podiumsteilnehmer ist einem Mitarbeiter zugeteilt. Das Ganze wird unterstützt durch eine Informatiklösung. «Doch entscheidend ist die Qualität unserer Mitarbeiter. Sie müssen sehr gut antizipieren und vorausblickend handeln», erklärt Schneider.

Bei den Philharmonikern

Schneiders Werdegang nahm einige Wendungen: Die ersten sechs Lebensjahre verbrachte er mit seiner Familie im Kanton Thurgau. Dann folgte der Umzug nach Münchenbuchsee. Sein in Thun aufgewachsener Vater war viele Jahre kaufmännischer Direktor eines Holzunternehmens und anschliessend Finanzdirektor der Regionalbahn RBS. «Ich besuchte im Neufeld das Gymnasium und erlangte dort die C-Matura. Zudem war ich bei den Pfadfindern und spielte im Musikverein Münchenbuchsee Tuba», erzählt er.

Er folgte danach seiner Liebe zur Musik und ging schliesslich ans Richard-Strauss-Konservatorium in München. Schneider hatte Talent und übte bis zu sechs Stunden am Tag, wie er sagt. Der Einsatz zahlte sich aus: Nach dem Abschluss des Studiums in München erhielt er ein Stipendium der Herbert-von-Karajan-Stiftung für einen Aufenthalt in Berlin. Die Stipendiaten haben während ihres Aufenthaltes die Gelegenheit, mit den Berliner Philharmonikern zu spielen. Anschliessend nahm er ein Engagement des Radiosinfonieorchesters im deutschen Saarbrücken an.

Informatikstudium in Genf

Im Jahr 1985 folgte dann ein Bruch: «Als 25-Jähriger hatte ich als Musiker bereits ziemlich viel erreicht. Doch ich konnte es mir nicht vorstellen, dass es nun 40 Jahre so weitergehen sollte», erzählt er. Schneider entschied sich für ein Informatikstudium in Genf. Wie in der Musik kniete er sich auch im Studium voll rein und arbeitete nebenbei für IBM. Nach Abschluss des Studiums und einem einjährigen Aufenthalt bei IBM in Barcelona begann er 1990 seine Doktorarbeit am Cern bei Genf. Danach arbeitete er bei IBM und stieg die Karriereleiter hoch.

Der Wechsel zum WEF

Als das WEF 1998 einen Technologiechef suchte, meldete er sich. Er wollte sich wieder mehr um seine eigentliche Passion – die Technologie – kümmern und weniger um administrative Belange. «Die Aufgabe des WEF, nämlich die Diskussion der drängendsten Fragen der Welt auf höchster Ebene voranzutreiben, hat mich natürlich auch gereizt», fügt er an.

WEF-Gründer Klaus Schwab ist nach wie vor die unumstrittene Galionsfigur des WEF: Schneider stellt klar, dass er keine Ambitionen hat, in die Fussstapfen des WEF-Gründers zu treten: «Meine Rolle ist eine ganz andere als diejenige von Klaus Schwab. Mit seinen Visionen ist er die Referenzperson des WEF», hält er fest. Er habe auch nicht vor, eine ähnliche Rolle wie der WEF-Gründer zu spielen. «Das WEF braucht an der Spitze eine Person mit einer Aura, wie sie Klaus Schwab hat.»

Diese Arbeitsteilung wird auch heute Nachmittag spielen: Während Klaus Schwab auf der Bühne den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy begrüsst, wird André Schneider im Hintergrund die Fäden ziehen. Aller Tragik zum Trotz.

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