Ein Atomkraftwerk unter der Grossen Schanze

Bern

Wie sähe die Stadt Bern heute wohl aus, wenn die Idee von Jakob Bächtold umgesetzt worden wäre? Der Ingenieur schlug 1960 vor, ein Atomkraftwerk unter die Grosse Schanze zu bauen. Es sollte unter anderem Strom für ein Parkhaus liefern.

So sieht die Grosse Schanze in Bern heute aus. 1960 schlug der Ingenieur Jakob Bächtold vor, unter der Grossen Schanze ein Atomkraftwerk zu bauen.

So sieht die Grosse Schanze in Bern heute aus. 1960 schlug der Ingenieur Jakob Bächtold vor, unter der Grossen Schanze ein Atomkraftwerk zu bauen.

(Bild: Urs Baumann)

Es ist eine Schreckensvision für Kernkraftgegner: ein Atomreaktor unter der Grossen Schanze, mitten in der Stadt Bern. Ein Sicherheitsabstand zu Wohngebieten ist nicht vorhanden, im Notfall wären Tausende Menschen direkt bedroht. Wer den Lift vom Bahnhof zum Hauptgebäude der Universität nähme, würde nur wenige Meter neben Brennstäben in die Höhe fahren.

Als umsetzbares Projekt erachtete diese Idee allerdings 1960 der Ingenieur Jakob Bächtold. Er präsentierte damals im März das Vorhaben der Presse. Mit dem Atomkraftwerk wollte Bächtold, der auch Präsident des Schweizerischen Bundes für Naturschutz war, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens plante die Stadt zu dieser Zeit den Neubau des Bahnhofs, dieser musste geheizt werden.

Zweitens brauchte Bern neue Zivilschutzanlagen. Ingenieur Bächtold und Architekt Reinhard von Wirz schlugen vor, diese im Bereich des Käfigturms zu erstellen, und zwar unterirdisch auf dem Niveau der Aare. Diese Räume könnten auch als Parkhaus dienen, dachten die Planer.

Die Energie dafür, diese Anlagen zu beleuchten und zu lüften, sollte das Atomkraftwerk unter der Schanze liefern. Im Winter produziert der Atomreaktor Wärme, im Sommer Strom.

Zweifel an Wirtschaftlichkeit

So weit ist es nicht gekommen. Der Berner Gemeinderat hielt die «revolutionäre Idee» für verfrüht: «Wie sieht es mit der Reaktorforschung aus? In dieser Sache ist Herr Bächtold der grösste Optimist Mitteleuropas», schrieb Baudirektor Hans Morgenthaler in der Antwort auf die Interpellation Siegrist.

Der Gemeinderat zweifelte mit dieser Aussage nicht etwa an der Sicherheit, sondern an der Wirtschaftlichkeit von Atomkraftwerken. Er verwies auf die ETH und die EWB, die der Ansicht waren, dass ein rentabler Reaktor frühestens zehn Jahren später gebaut werden könne.

Tatsächlich gingen in der Schweiz die ersten kommerziell betriebenen Reaktoren Beznau und Mühleberg 1969 beziehungsweise 1972 ans Netz. Auf die Frage der Sicherheit kam der Gemeinderat dann doch noch zu sprechen. Ingenieur Bächtold beurteilte diese 1960 optimistisch. Er war der Ansicht, dass ein Atomreaktor so kons­truiert wird, dass er im Notfall einfach abgestellt werden könnte.

Der Gemeinderat schloss sich jedoch der Meinung des Interpellanten an. Dieser hielt es für unverantwortlich, im Zentrum einer Stadt, die damals 150 000 Einwohner hatte, ein Atomkraftwerk zu errichten. Der Gemeinderat wollte, obwohl noch nie eine Katastrophe eingetreten sei, «die warnenden Stimmen nicht leichtfertig überhören». So sei unklar, wie dicht Atomkraftwerke wirklich seien.

Explosion im Versuchsreaktor

2019 soll das AKW Mühleberg ­abgeschaltet werden, in einem knappen Monat stimmt die Schweiz über die Atomausstiegsinitiative ab. 1960 war die Stimmung eine ganz andere: Alle politischen Lager waren geschlossen für die Atomenergie, die Kernspaltung galt als Lösung aller Energieprobleme. «Die Schweiz als rohstoffarmes Land hat ein enormes Interesse am Reaktorbau», so der Berner Gemeinderat.

Während dieser Phase der Euphorie über die moderne Atomenergie erwägen auch andere Städte, Atomreaktoren mitten im Siedlungsgebiet zu bauen. In der Stadt Zürich gibt es in den Fünfzigerjahren gleich zwei solche Projekte: So war neben dem Hauptgebäude der ETH eine unterirdische atomtechnische Versuchsanlage geplant.

Und eine Anlage im Uetliberg sollte die Stadt Zürich mit Strom versorgen. Keines der Vorhaben wurde realisiert, die Pläne des ETH-Reaktors wurden aber in Lucencs VD für den Bau des ersten schweizerischen Versuchsreaktors verwendet.

Dort zeigte sich, welche Gefahren solche Kraftwerke bergen: 1969 löste ein erhitztes Brennelement eine Explosion aus. In den Siebzigerjahren entsteht dann die Schweizer Antiatombewegung. Das Vorhaben, wie ein AKW unter die Grossen Schanze zu bauen, wird damit endgültig zu dem, für was es Interpellant Siegrist 1960 schon hielt: «Das Projekt ist erschreckend unrea­listisch.»

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